Zerbrochene Landschaft

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André zog die Steinschleuder unter der Bettdecke hervor und betrachtete seinen Schatz. Er strich über das glatte Buchenholz und folgte mit seinen Fingern der Astgabel.

Ein starker Einweckgummi verband beide Enden, in der Mitte des Gummis war ein Stück Leder angebracht. Dort würde er seine Munition einlegen, den Gummi spannen und loslassen.

Was, wenn jemand seine Schleuder finden würde? Es war ausgeschlossen, dass er sie behalten durfte. Ob es in seinem Krankenzimmer ein Versteck gab, das sicher war vor den Krankenschwestern und Putzfrauen? Nicht nur die Steinschleuder, auch die Munition musste er verstecken. Tobi hatte ihm einige glattgewaschene rötliche und graue Kieselsteine aus dem Dorfbach mitgebracht.

Er wärmte die Steine in seinen Händen, sein Heimweh wuchs. Seit fünf Wochen lag er hier. In seinem Gipsverband und durfte sich nicht rühren. Sein Rücken war verletzt worden durch den Sturz. Alle hatten Angst, dass er bleibende Schäden davontragen würde. So drückte sich sein Vater aus.

Unbeweglich. Nie wieder auf einen Baum klettern können. Das war seine Sorge, nicht die seines Vaters.

André lag alleine in seinem Krankenzimmer. In den ersten Wochen hatte er immer wieder davon geträumt, wie er auf den Baum gestiegen war. Immer höher, hinter Tobias her. André hatte sich an den Schritten seines Freundes mit den Augen festgeklammert. Tritt für Tritt war er ihm gefolgt und hatte sich sicher gefühlt. In seiner eigenen Spur wäre er niemals so weit hinaufgeklettert, denn er war nicht schwindelfrei.

Aber er hatte seinen Freund überredet, einmal wollte auch er von oben auf das Dorf herunterschauen.

„Immer nach oben schauen“, hatte Tobi ihm eingebläut. Es war ein unglaublicher Rausch, immer weiter aufzusteigen. Es ging so leicht, unglaublich leicht. Und es machte ihm keine Mühe, solange er in Tobis Fußstapfen stieg, der mit sicherem Tritt Ast für Ast erklomm.

Dann wollte André nachsehen, wie weit sie schon gekommen waren. Er vergaß sein Versprechen und blickte auf die lange Strecke nach unten. Ihm wurde bewusst, dass er auch wieder hinunterklettern musste. Nur kurz wurde ihm schwarz vor Augen, seine Hand griff ins Leere, er hatte Halt unter den Füßen, aber er taumelte, verlor das Gleichgewicht und fiel rückwärts, zu viele Meter, bis hinab in das Bachbett, und schlug auf seinem Rücken auf.

Er war sofort ohnmächtig geworden, wachte erst im Krankenhaus wieder auf. Jetzt lag er in diesem Zimmer, weit weg von zu Hause und sehnte sich nach seinen Freunden und nach seiner Mutter.

Sein Vater wollte ihm dieses zu Hause wegnehmen. André sollte in ein Internat. Damit er eine bessere Ausbildung bekam als in der Dorfschule. Er sollte sein Abitur machen und er sollte Arzt werden, wie sein Vater und sein Großvater. Das hatten sie bei ihrem letzten Besuch bei ihm besprochen.

„Da sieht man ja, was geschieht, wenn er mit diesen Dorfwilden herumtobt“, Andrés Verletzung hatte seinen Vater nur noch bestärkt. Seine Mutter hatte sich lange dagegen gewehrt. „Er ist doch noch so jung!“

„Willst du, dass so etwas noch mal passiert? Dass er mit diesen halbwilden Bauernkindern seine Gesundheit gefährdet? Das kannst du nicht ernsthaft wollen! Wir wissen nicht einmal, ob er überhaupt wieder gesund wird. Wir hätten ihn schon längst, von Anfang an in ein Internat schicken sollen, so, wie ich es wollte. Ich habe es dir zuliebe versäumt, weil du ihn nicht loslassen wolltest. Das war ein Fehler, jetzt siehst du, was du davon hast.“

Er zeigte mit seinem Kinn auf Andrés Bett und sah seine Frau vorwurfsvoll an. Sie fing an zu weinen. Sie sprachen über ihn, als wäre er gar nicht anwesend. Ihre Pläne machten sie, ohne dass er gefragt wurde.

André hätte gerne seine Mutter alleine gehabt. Sie hätte ihm Geschichten vorgelesen. Aber dafür hatte sein Vater keine Geduld. Sie kam niemals alleine, immer mit seinem Vater, denn sie hatte keinen Führerschein.

André war jedes Mal erleichtert, wenn die Tür hinter ihnen zuging. Da war er allein, das war schrecklich, aber leichter auszuhalten als der Streit seiner Eltern.

Einmal hatte er seine Mutter gefragt, ob er mit anderen Kindern ein Zimmer teilen könnte. Doch das hatte sein Vater kategorisch abgelehnt. „Wir können uns das schließlich leisten, dass du ein Einzelzimmer hast. Das wäre ja noch schöner.“

André war so weit von seinem zu Hause entfernt, dass er so gut wie nie Besuch bekam.

Es blieb ihm nichts, außer die Landschaft zu betrachten. Die Baumsilhouetten. Das war, was ihm geboten wurde, Berge und Wald. Tag für Tag lag er auf seinem Rücken, er konnte sich nicht drehen und an Aufstehen war nicht zu denken. Sein Vater weigerte sich, ihm einen Fernseher zur Verfügung zu stellen. Auf seinem Nachttisch lagen seine Schulhefte und ein paar ausgewählte Bücher und Hörkassetten. Er konnte die Schwestern bitten, eine neue einzulegen, aber eigentlich hatte er alle schon viel zu oft gehört.

Er war es nicht gewohnt, allein zu sein mit seinen Gedanken. Sie waren war wie ein Bumerang, alles, was er in die Welt hinausdachte, kam wieder zu ihm zurück. Und es waren nicht die guten Gedanken, die er absendete.

Er wünschte sich weg aus seiner Gegenwart. Er lag und alles, was er sah, war die Landschaft durch das Krankenhausfenster. Er fürchtete sich jeden Morgen davor, dass die Nachtschwester die Vorhänge zurückzog. Er wäre lieber im abgedunkelten Raum geblieben, als den sommerlichen Wald sehen zu müssen. Wohin er sich sehnte, wurde ihm mit einem Ruck präsentiert. Was hätte er darum gegeben, wenn sich eines Morgens etwas anders hinter den Vorhängen gezeigt hätte.

Die einzige Abwechslung, womit ihn seine Aussicht nach einigen Wochen überraschte, war der Wechsel der Jahreszeit. Es war noch Sommer gewesen, als er abstürzte, nun färbten sich die Blätter braun und gelb, wie erfreut war er darüber. Manchmal glaubte er, dass ihn die Ruhe noch umbringen würde, dass sich sein Leben nie wieder ändern würde, dass er für immer hier liegen bleiben müsste. In solchen Momenten wäre er am Liebsten aus dem Fenster gesprungen, hätte er aufstehen können. Aber die Fenster verriegelt und nicht zu öffnen, wie seine Mutter gleich überprüft hatte. Vielleicht war er nicht der einzige Patient in diesem Krankenhaus, der auf solche Gedanken kam.

Er vermisste seine Freunde noch mehr als seine Familie. Und heute war zu seiner riesigen Freude die Tür aufgegangen und sein Freund Tobi kam herein. Seine Eltern konnten ihn nicht bringen, sie hatten keine Zeit, mit ihm den langen Weg bis ins Krankenhaus zu fahren. Zwei Stunden für eine Strecke. Er hatte sich etwas ausgedacht, so wie immer. Tobi fand immer eine Lösung für seine Vorhaben. Er hatte sogar eine Lösung für Andrés Vorhaben gefunden, auch wenn es unglücklich ausgegangen war. Aber er konnte ihm nicht böse sein. André bewunderte ihn.

Tobi hatte ihm die selbst geschnitzte Steinschleuder mitgebracht. Er hatte nur ganz kurz bleiben können. André war noch ganz benommen vor Freude. War er wirklich da gewesen? Doch das glatte Holzstück in seiner Hand bewies es ihm.

André zuckte zusammen, als er die Stimme der Nachtschwester Heike vom Flur hörte. Sie hasste ihn und sie hasste seinen Vater. Wo sollte er seinen Schatz nur verstecken? Vielleicht zwischen dem Bett und der Matratze? Er versuchte es, war aber so unbeweglich in seinem Korsett, ihm fehlte die Kraft. Seine Unruhe wuchs. Mit seiner Steinschleuder würde er sich gegen sie wehren können. Er spannte das Gummi und legte einen der großen, glatten Kieselsteine auf das Lederstück. Er zielte zuerst auf die Tür. Dann wanderte er langsam und konzentriert hinüber auf das Fenster. Er zielte auf eine der Baumspitzen, auf die er seit Wochen starren musste. Sie schwankte im Wind leicht hin- und her, es würde nicht ganz leicht sein, sie zu treffen. André zielte und berechnete, wann die Spitze wieder in seinen Fokus kommen würde, er hielt den Gummi gespannt, spannte noch ein wenig weiter, hielt den Atem an. Ohne Vorwarnung wurde die Tür aufgerissen, er erschrak und ließ den Gummi los und das Geschoss raste auf die Baumspitze zu. Es gab einen Knall, von der Tür hörte er einen spitzen Aufschrei und bemerkte zu seiner großen Freude, wie die Landschaft in tausend Bruchstücke zerfiel.


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