Vor welcher Einsamkeit?

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Sie zählte Kacheln hoch und quer. Ihr war es unmöglich zu bestimmen, ob sie blau oder grün waren. Alleine auf einer Pritsche in diesem Raum. Gut sauber zu halten von Keimen, von Blut. Leicht zu reinigendes Material, keine Überreste von Lebewesen, die darin übergelaufen waren. Durch die Schiebetür hörte sie die Stimme ihres Mannes, der mit dem Arzt redete. Was hätte sie drum gegeben, nicht alleine zu sein. Sie zählte und zählte. Wenn sie den Faden verlor, fing sie von vorne an. Immer rechts, gleich neben der Tür, begann sie mit der Eins. Damit fing alles an und damit hatte es aufgehört. Sie lag und zählte, ihre Kleidung war nur ein blutverschmiertes Laken, festgeknotet in ihrem Nacken. Herausgeschabt das Kind. „Nicht lebensfähig“, hatte der Arzt gesagt.

Ausgerechnet mit dem Kind in ihrem Leib hatte sie fliehen wollen. Nachdem sie jahrelang eine Schwangerschaft erwartet hatte, als sei der Ort ohne ein Kind kein Ort für sie.

Zu Hause lag der Koffer unausgepackt, wie so oft. Nach jeder missglückten Flucht in die vertrauten Straßen, nach jeder Rückkehr lag ihre Kleidung, zusammengefaltet, zerknittert, unberührt, tagelang. Der Koffer verschlossen, als könnte ihr Scheitern bewahrt werden zwischen den Lederdeckeln. Weit entfernt von diesem Ort voller Kindheit. Es war ihr nie klar gewesen, wie sehr verwurzelt man an einen Ort sein kann. Selbst an eine Stadt, die in keinem Reiseführer steht, weil sie nicht schön ist. Der Koffer blieb unausgepackt. Sie zog so lange Dinge an, die sie zurückgelassen hatte, bis nichts mehr da war.

Straßen, aus denen sie weggegangen war, sieben Jahre zuvor, einem Mann zuliebe, sich selbst zuliebe. Die Weite der Landschaft war ihr groß genug erschienen. Ein eigenes Haus auf dem Land und dahinter der Wald. Zwischen den Bäumen wollte sie zu sich finden, zu ihren Gedanken, ungestört. Doch so war es nicht gekommen. Sie hatte noch mehr Angst vor der Einsamkeit, seit sie im Paradies lebte. Sie war eine Außenseiterin, fürchtete sich vor den Blicken und dem Wissen um alles, was sie tat. Sie sehnte sich nach den Straßen voller Menschen, in die sie eintauchen konnte. Versunken im Schutz der namenlosen Gesichter.

Ihre Kleidung ein blutverschmiertes Laken. „Ausgeschabt“. Noch so ein Wort, als sei sie eine Frucht, deren Inneres man herausnehmen könnte. Das Kind war ein Teil ihrer selbst gewesen, ohne den ihr Körper überlebensfähig war. Wäre es in ihr geblieben, würde sie dahinsiechen, weil Totes, eingeschlossen in Lebendiges, das Lebende tötet. So hatte sie sich das nicht vorgestellt, die Geburt. Schmerzen ja, doch nicht solche, so etwas nicht. Geburt, so weit waren sie noch nicht. Warum musste sie dieses Kind gebären, mit dem Wissen, dass nichts Lebendes dabei herauskommen würde? Ein Kind, das schon gestorben war, dass es bereits in ihrem Mutterleib nicht aushalten konnte. Was für eine Mutter war sie, deren Kind schon im Entstehen aufgab, in ihr drin?

Es hatte angefangen zu wachsen, zu leben, ihr Puls und sein Puls, ihr Blut und sein Blut waren Eins gewesen, ihr Herzschlag und seiner. Wie konnte es sein, dass es aufgehört hatte? Und ihr Körper machte weiter, als sei nichts geschehen, als sei nicht gerade ein Teil von ihr gestorben. Ausgerechnet an diesem kalten, gekachelten Ort hörte sie auf, diese Verbundenheit zwischen ihr und dem Kind. Das Kind war ihre Hoffnung gewesen, dass die Einsamkeit aufhören würde, ihre Angst vor dem Alleinsein. Ihre Hoffnung, dass sie es endlich würde aushalten können in dieser Landschaft.

Oft hatte sie es versucht. Vor jeder Reise nahm sie sich vor, dass sie zum letzten Mal ihren Koffer packte, doch nie hatte sie es geschafft fort zu bleiben. Sie konnte nicht weg von ihrem Mann, der ein anderer war als in der Stadt, wo sie sich kennen gelernt hatten.

Warum nur hatte sie sich nie gewöhnt an das Liebliche, an die Ruhe, die Menschen. Beobachtet fühlte sie sich, keine Kraft hatte sie, Kommentare abzuwehren. Sie verhielt sich anders als die, die hier geboren waren. Und ihr Mann begann es ihr vorzuwerfen. Warum hatte sie nie darüber nachgedacht früher, dass es schwer sein könnte an so einem Ort. Erst in dem Augenblick, als sie ihre Koffer über die Türschwelle trug, kam eine leise Vorahnung. Als sie bereits eingezogen, als ihre Entscheidung gefallen war.

Es war friedlich, das hatte sie gedacht bei ihrem ersten Besuch. Er hatte geschwärmt davon, dass alle sich kennen, dass sich dieses anonyme Großstadtgefühl nie wieder einstellen würde. Sie träumten gemeinsam davon, dass ihre Kinder hier aufwachsen würden, an diesem sicheren Ort voller Wiesen und Blumen und Aussicht auf die Natur. Gut, wenn Kinder Kühe und Hasen und Bäume nicht nur aus Büchern kennen. Doch es hatte keine Kinder gegeben, denen sie all das hätte zeigen können, denen all das eine Heimat geworden wäre.

Als es doch noch geklappt hatte, war ihr erster Gedanke gewesen, „ich werde nie wieder allein sein“.

Aber jetzt lag sie hier zwischen Kacheln. Und es würde kein Kind geben, das mit ihr aufwachsen würde. Es gab nur ein Kind, das damit aufgehört hatte, in ihr drin.

Einfach aufhören. Hatte sie nicht auch schon daran gedacht? Damals, kurz bevor sie ihren Mann getroffen hatte. Als sie die Münze auf die Schienen legte, wie ein sichtbares Zeichen dafür, was mit allem passiert, das unter diese Räder kam. Sie hatte den reißenden Fahrtwind des Zuges in ihrem Gesicht, an ihrem Körper gespürt, dann nach dem Metall gesucht wie ein Goldgräber. Sie gefunden, die Münze, platt gewalzt. Seitdem hatte sie die Münze bei sich getragen, es war ihr Trost, der Fahrtwind hatte ihren Körper berührt.

Oder hatte sie diese Idee dort eingepflanzt in ihren Körper? Aus ihrem Körper hinübergegangen in den ihres Kindes, das seinen Ort nicht verlassen wollte. Das Kind war allein in der Dunkelheit, es traute sich nicht, die Anstrengung, die Schmerzen auszuhalten. Und das Kind beschloss, es sein zu lassen. Wie konnte ein Kind einfach beschließen, es sein zu lassen? Niemand gab ihr eine Erklärung dafür. Sie hätte sich gerne an etwas festgehalten, wenigstens irgendein Anzeichen dafür, dass es nicht ihre Schuld war. Es gab keine medizinische Erklärung dafür, hatte der Arzt gesagt. Also doch ihr Versagen? Vielleicht zu viele Koffer, die sie hin- und hergeschleppt hatte?

Es war weg, von einem Tag zum nächsten. Man hatte ihr gesagt, sie habe das Kind im Arm gehalten, doch sie wusste es nicht. Sie war zurückgeblieben, ohne den Teil in ihr, er war weggeflogen. Sie griff an ihren Hals, ihr Griff zur Münze, wenn sie nicht weiter wusste. Nichts war dort, sie hatten sie ihr abgenommen. Weg das Kind, die Münze, sie konnte nicht denken, auch die Kacheln zählten nicht mehr. Ihr Kind, ihre Schuld, nicht lebensfähig. Nie hatte ihr jemand gesagt, dass es auch so kommen konnte, sie war nicht darauf vorbereitet. Zu Hause standen Dinge in der Wohnung, die niemand mehr brauchen konnte. So war das nicht geplant. Einfach aufhören zu sein. Sie war ausgehöhlt. Das Loch, wie sollte es zuwachsen, das Kind hatte etwas mitgenommen aus ihr, etwas von ihr war gestorben. Den Tod ihres Kindes, wie sollte sie ihn aushalten, noch ehe sie Mutter geworden war. Sie war ein Nichts, nicht schwanger, nicht Mutter. Und doch Mutter von diesem Kind, ausgeschnitten aus ihrem Bauch.

Wohin war es gegangen? Wollte sie nicht auch längst schon weg sein und hätte die Entscheidung vor langer Zeit wagen müssen? Wo war sie, die Münze, ihr Wegweiser, ihre Erinnerung an den Ort, an dem es jetzt war. War es alleine? Sie war alleine. Sie musste es weiter ertragen.

Zu Hause stand der geschlossene Koffer. Sie würde sich entscheiden, endlich. Da waren sie wieder, die Arztworte. Nicht lebensfähig. Wer war das schon, es gab genug Menschen, die lebten und nicht fähig dazu waren.

Wo war der Ort ihrer Selbst? Ihre Lider wurden schwer und sie gestattete sich, die Augen zu schließen. Sie erwartete Bilder von sich in der Stadt ihrer Kindheit zu erleben, ihrem jahrelangen Fluchtort.

Doch so war es nicht. Sie sah sich durch einen Wald gehen, der ihr zum ersten Mal keine Angst einflößte, sondern ihr Geborgenheit schenkte. Keine Gesichter, keine Augen, die sie ansahen oder nicht sahen. Nur Rinde, Zweige, Blätter, eindeutiges Grün.

Als wäre sie selbst neu geboren oder schon gestorben, war da keine Angst mehr. Vor welcher Einsamkeit hätte sie sich auch jetzt noch fürchten sollen?


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