Susanne Dobrusskin, Besingerin

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Seelenlieder

Vor einiger Zeit habe ich eine Geschichte gehört: In einem afrikanischen Stamm hat jeder Mensch sein eigenes Lied. Wenn eine Frau das Gefühl hat, es möchte eine neue Seele auf die Welt kommen und sie soll diese Seele gebären, geht sie in die Wildnis. Sie setzt sich unter einen Baum und wartet so lange, bis ihr das Lied von diesem kleinen Menschen einfällt, der da kommen will. Sie singt dieses Lied mehrmals, bis sie es gelernt hat. Dann geht sie zu dem Mann, mit dem sie das Kind zeugen möchte, singt es ihm vor und bringt ihm das Lied bei. Dann erst vereinigen sie sich, um dieses Kind zu zeugen. Dem ganzen Dorf wird das Lied auch beigebracht, für den neuen Menschen, der da kommt. Bei der Geburt wird es gesungen und das ganze Leben über, bei besonderen Ereignissen im Leben dieses Menschen. Und jeder Dorfbewohner kennt das Lied von jedem anderen Dorfbewohner. Sie können auch die Lieder von den Verstorbenen. Ihre Ahnen leben also in der Dorfgemeinschaft fort in diesen Liedern. Selbst wenn jemand ein Verbrechen begangen hat, dann wird er nicht bestraft oder verstoßen. Er wird in die Mitte gestellt, alle anderen stellen sich um ihn herum und singen sein Lied so lange, bis er geläutert ist. Bis er wieder in der Gemeinschaft angekommen ist, aus der er herausgefallen war.

Als ich diese Geschichte auf einem Seminar erzählt habe, habe ich ganz viele Schauer bekommen und begriffen, das hat etwas mit mir zu tun. So entstand die Idee, dass ich Seelenlieder für Menschen singen kann. Erstaunlich viele Menschen fühlen sich von dieser Idee angezogen. Die Geschichte berührt etwas in ihnen und sie möchten ihr eigenes Seelenlied bekommen. Ich singe diese speziellen Lieder in Abwesenheit der Person. Dadurch schwingen die aktuellen Anliegen und Ereignisse nicht mit und das Lied wird umfassender. Um ein Seelenlied zu singen, brauche ich den vollen Namen, das Geburtsdatum und ein Foto. Das Foto hänge ich mir direkt an meinen Mikrofonständer, damit ich es vor mir habe. Ich stimme mich auf die Person ein und verbinde mich mit ihrer Seele. Dann singe ich das Seelenlied und nehme es direkt auf. Ich habe ein sehr genaues Gefühl dafür, ob das Lied für diesen Menschen stimmig ist oder nicht. Wenn nicht, wiederhole ich den Vorgang, bis es stimmt. Das Seelenlied ist dazu da, einen Menschen daran zu erinnern, wer er wirklich ist. Er kann sich jederzeit mit seinem Wesenskern verbinden.

Seltsamerweise habe ich überhaupt keinen Impuls, für mich selbst ein Seelenlied zu singen. Es gibt zwar Melodien, die auftauchen und die mich eine Zeitlang begleiten. Dann kommen aber auch wieder andere, die sie ablösen. Zum Beispiel diese Melodie auf meinem Film-Interview auf meiner Website. Die entstand ganz plötzlich und ich wusste sofort, die ist für mich und die nehme ich für dieses Interview. Und das kann sich irgendwann auch wieder ändern.

Ich bin Besingerin

Wenn ich gefragt werde, was machst du denn, dann sage ich, ich bin Besingerin. Und wenn ich gerade ganz mutig bin, sage ich, ich bin Singender Engel. Das ist mein Seelenname. Oft ernte ich hochgezogene Augebrauen oder fragende Gesichter. Ich singe für Menschen, um sie in einen höheren Schwingungszustand zu versetzen. Dass ich die Schwingungsebene erhöhen möchte, ist gar nicht so sehr mein Anliegen, aber es passiert anscheinend. Das setzt voraus, dass Menschen in eine tiefe Entspannung kommen, ähnlich dem Zustand, den man kennt, kurz bevor man einschläft oder kurz nachdem man aufwacht. Manchmal fühlen Menschen sich einfach nur regeneriert, es können aber auch Erinnerungen aufsteigen. Manche sehen Farben, bei manchen laufen Geschichten ab, wie Filme; wieder andere haben körperliche Wahrnehmungen, bestimmte Körperteile werden warm. Manche spüren ein Kribbeln an einer Stelle am Körper.

Aus vielen Rückmeldungen habe ich erfahren, dass sich, während ich singe, bei den Besungenen innere Räume öffnen. Es treten Dinge in Erscheinung, die im Alltag keinen Platz haben. Leise Töne, Dinge, die aber dennoch wichtig sind. Es sind ja nicht immer die lauten, schreienden Dinge wichtig, im Gegenteil. Dabei können Emotionen hochkommen. Manche fangen an zu weinen, es löst sich etwas. Im Alltag passiert das vermutlich nicht, weil die Schwingung nicht hoch genug ist.

Man sagt, wenn jemand sehr hoch schwingt und diese Schwingung halten kann, wird er ab einem bestimmten Level nicht mehr krank. Man kann es auch als Zentriertheit beschreiben. Wenn jemand immer sehr bei sich ist, dann weiß er auch in jedem Moment, was gut für ihn ist und was nicht. Und dann wird er auch nicht krank. Das ist mein Erklärungsmodell. Genau dafür ist das Seelenlied ein Mittel. Es kann einen Menschen wieder in seine Balance, in seine Mitte bringen. Wenn ich es höre, dann weiß ich wieder, ja, der bin ich, die bin ich. Das passt zu dem Beispiel aus dem afrikanischen Dorf. Wenn jemand etwas Übles tut, geschieht das nur, wenn er weg von sich ist. Was für eine wunderbare Hilfe ist es, wenn die Gemeinschaft den Menschen durch den Seelengesang wieder in seine Mitte zurückbringt. Und was für ein anderes Konzept, als eine Bestrafung, die einen noch weiter weg von sich bringt. Damit fühlt man sich zusätzlich schlecht behandelt und es entstehen weitere negative Gefühle wie Wut, Rache und Vergeltung.

Wie ich hierher gekommen bin

Der Ausgangspunkt für die Arbeit mit meiner Stimme war seltsamer Weise mein Pantomime-Studium. Während meiner Ausbildung habe ich zunächst viel mit Geräuschen gearbeitet, nicht mit Worten. Ich habe zum Beispiel eine Pflanze gespielt, die aus dem Topf wächst und dafür Geräusche aufgenommen. Teilweise habe ich sie mit der Stimme erzeugt, teilweise mit Hilfsmitteln. Die Pantomimenklasse war Teil der Schauspielabteilung. Meine Lehrerin für Sprecherziehung hat schnell meine Begabung für das Sprechen entdeckt und mich gefragt, ob ich es nicht einmal ausprobieren möchte zu synchronisieren. Daraus ist für mich ein Berufsbild entstanden, das ich überhaupt nicht geplant hatte: Profisprecher für Film, Funk und Fernsehen. Zuerst habe ich es nebenbei gemacht, ich habe noch Theater gespielt und war in verschiedenen Mimentruppen und habe als Sängerin gearbeitet. Doch irgendwann hat das Sprechen sich verselbständigt. Ich mochte die Studiosituation, dieses Abgeschlossene. Ich hatte meinen Raum für mich, ich saß am Mikrofon und die anderen waren draußen.

Obwohl es sehr gut lief in den letzten Jahren meines Sprecherdaseins, tauchte immer häufiger die Frage auf: Was mache ich hier eigentlich? Die Inhalte waren nicht immer das, was ich wirklich unterschrieben hätte. Doch als Stimme muss man es komplett vertreten – es ist ein schauspielerischer Akt. Auch wenn ich Werbung spreche für ein Produkt, das ich nicht mit der Kneifzange anfassen würde, muss ich überzeugend so tun als ob, damit die Leute es kaufen. Dieser innere Spagat hat mich sehr gestresst, ohne dass es mir bewusst war. Hinzu kam, dass ich sehr viel gearbeitet habe. Oft hatte ich drei unterschiedliche Jobs an einem Tag. Das bedeutet, dass man von einem Studio ins andere rast und jedes mal ein komplett anderes Setting hat und andere Anforderungen.

Einerseits habe ich gedacht, ich habe so einen easy Job, weil ich es gerne gemacht habe und weil es mir meistens Spaß gemacht hat. Dabei habe ich überhaupt nicht bemerkt, wie ich über meine Grenzen gegangen bin. Das hat dazu geführt, dass ich eine Stimmstörung bekommen habe. Meine Sprechstimme fing irgendwann an zu knattern und ich wurde bei einem wichtigen Auftrag nach Hause geschickt. Das war für mich der Supergau, ein furchtbares Versagen. Und die Zeit davor war so stressig, dass ich nah am Burnout war oder ein Stück weit vielleicht auch drin. Zunächst bin ich zur Reha in eine Stimmheilklinik gegangen und habe versucht meine Stimmstörung mit Hilfe von Phoniatern, Stimmtherapeuten und Logopäden zu reparieren. Es gab keinen tatsächlichen organischen Befund und sie konnten mir alle nicht helfen. Als diese Stimmstörung eintrat, da war ich vor allem so verzweifelt, weil ich dachte, Stimme ist doch meins, was soll ich denn ohne Stimme machen? Ich habe keine Alternative gesehen.

Es gab einen Stimmtherapeuten in Köln, den ich sehr geschätzt habe. Er sagte mir, dass es gar keinen Sinn hätte zu dem Zeitpunkt viel mit der Sprechstimme zu arbeiten. Wir haben dann ausprobiert, wie das mit der Singstimme, im etwas höheren Register ist und es funktionierte überraschend gut. Wir haben zunächst nur dort gearbeitet mit dem Ziel, es irgendwann auf die Sprechstimme herunterzuziehen. Doch das klappte nie. Immer, wenn wir das versucht haben, gab es Tränen. Bei mir auf jeden Fall und bei ihm fast auch. Irgendwann sagte er, ach, dann machen wir halt eine Sopranistin aus Ihnen. In dem Moment dachte ich, der spinnt, so ein Quatsch. Bei Sopranistin denkt man sofort an Oper und Auftritte und ich dachte, also der Zug ist ja nun schon lange abgefahren. Und es zog mich auch nichts dorthin. Später habe ich überlegt, der sagt Dinge nicht einfach nur so. Irgend eine Bedeutung muss diese Aussage haben. Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass sich in den höheren Registern tatsächlich etwas geöffnet hat, das zuvor nicht dagewesen war. Ich habe vorher auch gesungen, ich habe CDs als Popsängerin veröffentlicht. Dabei aber immer in den tieferen Registern gesungen, ganz selten nur in den höheren Stimmlagen. Ich habe dann mit der Zeit festgestellt, dass ich es interessant fand und es mir Spaß gemacht hat, da oben Töne zu erzeugen.

Eines Tages saß ich in einem Café und schrieb Tagebuch. Plötzlich hatte ich ein inneres Bild, dass jemand auf einer Liege liegt und ich singe für diesen Menschen. In diesem Moment habe ich ganz viele Schauer bekommen. Ich weiß nicht, wie man diesen Zustand erklären kann. Euphorie würde es nicht treffen, da denkt man an etwas Extrovertiertes. Dabei war das eher eine introvertierte Euphorie. Für zwei, drei Tage bin ich wie auf Wolken gegangen. Ich dachte, ja genau, das will ich machen! Das ging so lange, bis mein Verstand einsetzte und Zweifel auftauchten: Wie soll das gehen? Das ist doch kein Beruf, wie willst du damit Geld verdienen? In dem Moment ist mir Stephan Möritz begegnet, der sich auf der Seelenebene mit Menschen verbindet und sehen kann, was deren Lebensaufgabe ist. Ich habe ihm nicht gesagt, was ich selbst gesehen hatte, nur meinen bisherigen Weg geschildert und dass ich nicht wusste, wie es weitergeht für mich. Und er hat mir als Lebensaufgabe genau das gesagt, was ich vorher gesehen hatte. Ich sollte für andere Menschen singen und dass ihnen das irgendetwas geben würde. Dabei wusste er noch nicht einmal, dass ich überhaupt singe. Das war für mich eine immense Bestätigung, die ich anscheinend noch brauchte, um mich auf den Weg zu machen.

Natürlich ist das nichts, was man heute beschließt und morgen ist es dann da. Es entwickelt sich langsam über das Tun, über das Ausprobieren. Zuerst habe ich das Besingen an Freunden und Verwandten getestet und sehr schnell festgestellt, dass es tatsächlich etwas mit ihnen macht. Da gab es körperliche Beschwerden, die danach weg waren, oder auch problematische Beziehungen, die geheilt wurden. Offenbar verschiebt oder verändert mein Gesang etwas, zum Positiven. Es kann aber auch lediglich eine Regeneration sein und eine Tiefenentspannung. Während ich singe ist in mir eine ungeheuer große Freude und es ist es fast so, als würde ich es für mich selbst machen. Auch die Befreiung vom Wort war für mich sehr beglückend. Denn es sind ja Laute und Töne, die völlig intuitiv aus mir herausfließen. Sie hören sich manchmal an wie eine Sprache. Jedoch keine, die der Verstand greifen kann und so wird er ganz elegant umschifft. Der Verstand gibt sehr schnell auf und der Gesang wirkt auf einer viel tieferen Ebene.

Am Anfang war ich oft nervös und dachte, oje, die halten mich vielleicht für bekloppt. Oder ich dachte darüber nach, ob derjenige unbequem liegt oder friert. Doch je mehr positive Rückmeldungen ich bekommen habe, desto mehr sind solche Gedanken verschwunden. Und umso mehr bin ich während des Singens immer besser in einen meditativen Zustand gekommen. Am Anfang war das ganz extrem. Manchmal hat es so stark in meinen Ohren geklingelt, von innen, das war kaum zu ertragen, so nah war es am Schmerz. Es entstehen manchmal sehr intensive Töne. Oft driften meine Gedanken dabei ab, ich weiß nicht, wo ich war, oder was ich gedacht habe. Es ist ein besonderer Zustand.

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Den Menschen etwas Gutes tun

Am Anfang hatte ich die Idee, dass ich den Menschen etwas Gutes tun und ihnen helfen wollte. Irgendwann habe ich aber verstanden, dass es zwar als Obergedanke in Ordnung ist, dass es aber nicht im Vordergrund stehen darf, während ich singe. Es wäre sogar eine Ablenkung. Eine sehr kluge Mentorin hat es mir einmal so erklärt: Es gibt eine waagrechte Linie. Wenn ich in die obere Hälfte gehe mit meinem Bemühen, dieser Person etwas Gutes zu tun, dann besagt das Gesetz des Ausgleiches, dass diese Kurve, die ich nach oben beschreibe, genauso weit nach unten, in den negativen Bereich fällt. Das geschieht nicht, wenn ich auf dem neutralen Punkt der Linie anfange und möglichst bleibe. Anfangs habe ich mich gefragt, wie komme ich da am besten hin, an diesen neutralen Punkt. Eine Methode ist diese: Man stellt sich selbst eine schwere Rechenaufgabe, zum Beispiel 395 durch 75. Vielleicht kann man den ersten Rechenschritt noch vollziehen, oder auch den zweiten, je nachdem, wie gut man im Kopfrechnen ist. Dann gibt es einen Punkt, an dem das Gehirn abschaltet, an dem es kippt. Ach, so ein Quatsch, das kann ich sowieso nicht. Dann ist man auf dem Nullpunkt. Glücklicherweise bin ich im Rechnen ganz schwach, das geht bei mir also ganz schnell. Und es gibt noch eine andere Möglichkeit. Ich stelle mir ein Mauseloch vor, wie im Zeichentrick. Unten an der Mauer ist so ein halbrundes Loch, wo die Maus ein- und ausgeht. Wenn ich mich in Gedanken davor setze und mich frage: Welcher Gedanke ist der Nächste der aus diesem Mauseloch kommt? Wenn ich das sehr stark fokussiere, dann kommt gar kein Gedanke, dann bin ich wieder auf dem Nullpunkt.

Wenn ich anfange zu singen, dann versuche ich mich auf diesen Nullpunkt zu bringen. Es spielt dann keine Rolle mehr, was derjenige mir vorher erzählt hat, welche Probleme er hat oder was wir als Überschrift für die Besingung gewählt haben. Ich versuche wirklich von einem absolut neutralen Punkt aus zu singen und bin dann ganz bei mir. Ich schaue zwar ab und zu, ob es demjenigen gut geht. Doch während des Singens bin ich sehr bei mir. Eine andere Aussage eines Lehrers ist mir ebenfalls im Gedächtnis haften geblieben: Die guten Sänger singen nur für sich selbst. Sie hören sich selbst nicht zu, sie spüren nur ihren Körperempfindungen nach. Das habe ich sehr verinnerlicht. Während des Singens spüre ich nach, wie unterschiedliche Bereiche im Körper vibrieren. Ich bemerke, welcher Ton etwas an einer bestimmten Stelle in meinem Körper macht. Ich merke, dieser Ton geht ins Brustbein oder diesen spüre ich im Rücken oder woanders. Ich beschäftige mich nur damit, alles andere schalte ich aus. Inzwischen käme es mir sogar übergriffig vor, für meine Klienten zu singen, nach dem Motto: „Ich will dir jetzt was ganz Tolles.“ Wer bin ich, das zu entscheiden? Ich habe eine Fähigkeit, die ich für mich produzieren kann. Ich habe gelernt, ganz in meinem Element zu sein. Und wenn der Zuhörer sich dem öffnen kann, kann er gerne davon profitieren. Mehr nicht. Wenn ich vorher darum bitte, auf der Wesensebene mit diesem Menschen in Verbindung treten zu dürfen, dann kommen die richtigen, die stimmigen Töne für diesen Klienten ganz von alleine.

Singen in einer nichtvorhandenen Sprache

Es ist keine Sprache, in der ich singe, es sind Töne und Laute. Es sind Melodien und Lautfolgen, die nicht geplant sind. Sie entstehen im Moment und oft weiß ich nicht, was kommt als nächstes. Es entsteht im Tun. Das hat gerade am Anfang sehr viel Mut gefordert, inzwischen habe ich Vertrauen und Hingabe an diesen Fluss entwickelt. Diese Melodien sind in mir. Oft erinnert die Leute mein Gesang an etwas, das sie schon einmal gehört haben. Das ist ganz natürlich, der Verstand versucht an bekannte Dinge anzuknüpfen. Alle möglichen Sprachen wurden schon genannt: Hebräisch, Russisch, Französisch, Italienisch, Mongolisch, irgendetwas Nordisches. Ich kann nicht sagen, wo das herkommt, es entsteht im Moment. Natürlich wiederholen sich Sequenzen, sie haben einen gewissen Stil. Ich nehme an, sie sind gefärbt durch meine Hörgewohnheiten oder mein Wesen, ich weiß es nicht. Ich denke während des Singens nicht darüber nach. Wenn ich Spazieren gehe oder alleine in der Wohnung bin, dann wird diese innere Stimme für mich wahrnehmbar und ich summe oder singe vor mich hin. Ich lasse zu, dass der Kanal sich öffnet.

Für Gruppen oder Einzelne

Anfangs habe ich nur für Einzelne gesungen, das mit den Gruppen kam später hinzu. Es war eine große Herausforderung für mich, vor einer Gruppe so zu singen. Wenn ich die Leute nicht gut kannte oder wenn es ganz Fremde waren, war ich nervöser. Inzwischen weiß ich, dass es funktioniert. Und natürlich kann immer jemand dabei sein, dem es nichts bringt oder der sagt, das ist nichts für mich. Aber das ist dann eben so, damit kann ich immer besser umgehen.

Eine Einzelbesingung findet in einem sehr geschützten Rahmen statt. Wenn ich für einen Einzelnen singe, steht meist ein mitgebrachtes Thema im Fokus. Die Besingung ist für denjenigen intensiver, die Frequenzen sind sozusagen maßgeschneidert. Vielleicht kann man sich alleine auch besser und tiefer fallen lassen. Eine Einzelarbeit ist individueller, es geht um etwas ganz Persönliches. In der Gruppe bringe entweder ich ein Thema mit oder wir finden gemeinsam eines. Es ist eine andere Art von Intensität. Mitunter verstärkt sich, was im Raum geschieht. Nach einer Gruppenbesingung hat jemand mal zu mir gesagt, das war ganz eigenartig, aber ich habe den Raum hier voller Menschen gesehen. Jemand anderes sagte, ich auch! Ich glaube, dass die Energien überspringen können. Wenn ich vor einer Gruppe singe, dann passiert es häufig, dass ich selbst eine starke Rückmeldung bekomme, das sind Schauer, die ich am ganzen Körper spüre. Das passiert seltener während einer Einzelbesingung.

Auch die Räume, in denen ich singe, spielen eine Rolle. Manche fördern die Intensität des Gesanges und andere nicht. Zum Beispiel in Museen gibt es oft Räume, da könnte ich sofort lossingen, die Akustik reizt ungeheuer. Und es gibt andere Räume, in denen das nicht so ist. Die sind relativ tot vom Empfinden her. Manchmal werde ich auch gefragt, Räume zu besingen. Die Veränderung ist spürbar. Ich habe es bei einem Seminar erlebt. Ich sollte am Anfang singen, um die Menschen einerseits runterzubringen, auf der anderen Seite zu öffnen. Da merkte ich, das ist aber schwer, da war so eine schwere Energie in diesem Raum und er hatte keinen Klang. Das war mühsam am Anfang. Doch es hat sich aufgelöst, es war nur beim ersten Mal so. Am gleichen Tag habe ich noch zweimal in diesem Raum gesungen, da war die Schwere weg. Ich glaube tatsächlich, dass sich die Räume durch das Singen verändern. Wie ein Wesen, das ein Eigenleben hat. Wenn viel Schmerzhaftes oder Unharmonisches darin passiert ist, dann kann man das spüren. Es ist eine allgemeine Atmosphäre, die man wahrnehmen kann. Und das kann man beeinflussen und verändern. Manche machen das mit Räuchern oder mit Klangschalen. Und das bewirkt der Gesang auch. Die Schwingung des Raumes erhöht sich.

Was mache ich hier eigentlich?

Glücklicherweise werden meine Zweifel und Ängste immer weniger. Anfangs waren sie stark, denn diese Form von Singen ist nichts, was man kennt. Auch wenn ich nicht die erste bin, haben die meisten ein Fragezeichen im Gesicht, wenn ich erzähle, was ich mache. Ich bin weder eine Rampensau, noch bin ich die große Rebellin. Das war am Anfang für mich eine große Herausforderung zu sagen, was ich mache. Ich hatte immer die Angst, dass alle mich für bekloppt halten. Und gleichzeitig ist es eine schöne Übung, mich davon immer weiter zu lösen. Denn ich stehe wirklich dazu. Das ist das, was ich machen möchte, was mich total glücklich macht.

Früher hatte ich kein Problem zu sagen, ich bin Sprecherin. Nur habe ich mich manchmal während des Jobs gefragt, was mache ich hier eigentlich? Und jetzt ist es genau andersherum. Wenn ich in einem sehr nüchternen Umfeld bin und werde nach meinem Beruf gefragt, dann habe ich wieder den Gedanken, was mache ich da eigentlich? Aber während ich singe, habe ich das nie! Da weiß ich, das ist es. Das ist der Unterschied. Und das ist ein sehr viel angenehmerer Zustand.

Was ich zu geben habe

Es ist ein Riesengeschenk, wenn ich positive Rückmeldungen bekomme. Dafür bin ich sehr dankbar und es berührt mich tief. Doch in dem Moment, in dem ich singe, denke ich nicht darüber nach. In dem Moment fände ich es sogar übergriffig. Ich habe für mich entdeckt, was meins ist und was ich strahlen lassen kann. Und wer möchte und wer sich dafür öffnen kann, in den fließt es ein. Der hat etwas davon und der kann etwas davon abhaben. Doch im Moment des Singens bin ich ganz bei mir. Ich habe ein Bild dafür: Ich vergleiche es mit einer Kugel. Wenn ich ganz im Gesang bin, fängt diese Kugel an zu vibrieren und wer in Reichweite ist, bekommt die Schwingungen ab. Was für den Menschen gerade richtig ist, das erreicht ihn. Das andere geht durch ihn hindurch oder an ihm vorbei, ich weiß es nicht. Und das genügt. In erster Linie mache ich es jedoch für mich. Und es ist eine freudige Überraschung, wenn es andere erreicht und ich ein Feedback bekomme. Wenn es aber nicht so ist, ist es auch in Ordnung. Das Singen erfüllt mich und macht mich glücklich.

Natürlich gibt es auch Aspekte daran, mit denen ich zu kämpfen habe. Zum Beispiel muss ich Akquise betreiben. Das, was ich tue, hat einen hohen Erklärungsbedarf. Wenn ich rausgehe und damit Geld verdienen will und wenn ich mich irgendwo anpreisen muss, das ist so ein Teil, den ich nicht mag. Den finde ich schwierig. Wenn jedoch die Dinge zu mir kommen, dann mache ich fast alles. Denn bin der Meinung, dass ich erstmal alles ausprobieren möchte. Es kann vielleicht sein, dass ein paar Dinge nicht gut klappen, bestimmte Orte oder ein bestimmtes Umfeld. Aber wenn nichts grundlegend dagegen spricht, sage ich erstmal ja. So habe ich schon auf Lesungen gesungen, auf Ausstellungseröffnungen und auf einer Messe. Es gibt allerdings immer noch viel Platz nach oben. Zum Beispiel hat eine ältere Dame gesagt, das würde ich gerne hören, wenn ich auf die andere Seite gehe. Natürlich habe ich an ein Hospiz gedacht. Das ist jedoch nichts, was ich aktiv angehe. Doch wenn mich jemand ganz konkret fragen würde, dann würde ich das tun.

Durch die Krise

Ich bin durch ziemlich großen Schmerz gegangen, als ich meinen Beruf plötzlich nicht mehr ausüben konnte. Da war viel Verzweiflung und viel Trauer, viel Widerstand anfangs auch. Es war eine große Krise, gleichzeitig war ich mir aber ganz bewusst darüber, dass darin ein großes Geschenk eingewickelt ist. Ich konnte es nur noch nicht sehen. Ich bin im Nachhinein sehr dankbar dafür, dass ich mir selbst diesen Raum gegeben habe. Dass ich nicht aus lauter Panik irgendetwas gemacht, sondern dass ich dieses Nichts ausgehalten habe. Das war nicht immer leicht. Und ich bin auch dankbar gegenüber denen, die an mich geglaubt haben und das, was ich mache, nicht als Spinnerei abgetan haben. Vielleicht ist der Satz: In jeder Krise steckt eine Chance ein Gemeinplatz, aber ich habe es wirklich so erlebt. Es ist nur wichtig, dass man es aushalten, dass man es zulassen kann. Dafür bin ich sehr dankbar, dass ich das konnte.

Website von Susanne Dobrusskin


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