Stadt-Berührung  

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„Nun komm weiter, Don Juan, sonst schaffen wir nicht alles!“ Henry konnte sich kaum von den ebenmäßigen Gesichtszügen der Nofretete lösen. Das Bildnis der Ägypterin fesselte ihn, alles andere hatte er nur oberflächlich betrachtet, während er durch die Räume gelockt wurde von Sarahs Begeisterung für die Ausstellungsstücke. Sie war entzückt, wie ein Kind im Spielzeugladen und enttäuscht, dass sie nichts anfassen durfte. Sie hätte es bestimmt gerne getan, alles fasste sie an, um es kennen zu lernen, es zu verstehen, wie sie sagte. Henry war auf der kurzen Stadtwanderung von der S-Bahn Station Hackescher Markt zur Museumsinsel überrascht gewesen, was sie alles berührte. Graffiti auf Häusermauern, Büsche im Monbijoupark und einen Stadthund, der sich anschließend nur unwillig von seiner Besitzerin zurückpfeifen ließ. Und immer wieder berührten ihre Fingerkuppen seinen Arm, im Gehen, beim Reden. So lange, bis sie wieder die Begegnung mit neuem Stadtmaterial suchten.

Vielleicht hatte sie keine ängstliche Mutter gehabt, die sie unablässig zurückhielt aus Sorge vor Schmutz und Ansteckung. Vielleicht war sie gar kein Stadtkind.

Erst als die Museumswärter sie zum dritten Mal aufforderten, verließen sie die Ausstellungsräume. Henry konnte sich kaum daran erinnern, wann er zuletzt in einem Museum gewesen war. Und wie leicht er sich von ihr ausgerechnet hierzu hatte überreden lassen, gleich bei ihrer ersten Begegnung.

Es war schon dunkel, aber der Herbstabend war mild und sie setzten sich auf Holzbänke am Wasser, gegenüber der Museumsinsel. Sarah legte den Kopf in den Nacken und betrachtete den Himmel. Sie erklärte Henry die Sternenbilder, die sie kannte. Dabei streckte sie ihre Hände in die Luft und bewegte sie sanft, als ob sie eine leise und fließende Melodie dirigieren würde.

„Was ich wirklich bedauere, ist, dass ich die Sterne nie werde berühren können. Der Himmel ist wie ein riesiges Meer, manchmal stelle ich mir vor, dass Schiffe darüber hinweg fahren und die Sterne lediglich kleine Reflektionen der Sonne auf der Wasseroberfläche sind“, sagte Sarah. „Ich wäre gerne die Kapitänin auf so einem Sternen-Meer-Schiff, und es würde Dora Maar heißen.“ Das sagte sie so bestimmt, als verfolgte sie seit ihrer Kindheit diesen Gedanken, der durch die Wiederholung ihrer Worte an Kraft gewonnen hatte und an Sicherheit.

„Berlin ist viel schöner, als ich es mir je vorgestellt habe. Danke, dass du hier lebst!“

„Wie meinst du das? Du lebst doch auch hier.“

„Nein, ich wohne heute Nacht hier, normalerweise in Frankfurt. Aber nicht sehr gerne.“

Henry war verblüfft. Er wusste nicht, was er davon und von dieser Frau halten sollte, aber er ihrem Sog konnte er sich nicht entziehen.

Sarah fing an ein Lied zu summen, auf der Bank unter dem Sternenhimmel, ein Lied das Henry erkannte, weil es so oft im Radio gespielt wurde. Es war von Adele, „Rolling in the Deep“, und der Titel kam ihm ziemlich passend vor in diesem Augenblick, in dem ihre Augen in der Tiefe des Himmels versanken, in der ihre Fingerspitzen seine berührten und ihm Blitze durch den Körper jagten. Ihre Stimme klang tiefer, wenn sie sang, obwohl sie zwitschern konnte wie ein Vögelchen, wenn sie ihre Geschichten erzählte, die so phantasievoll und absurd waren.

„Du bist eine Träumerin,“ stellte Henry fest. Er wunderte sich nicht nur über dieses Wesen, das ihn in diesen Tag entführte, sondern vor allem darüber, wie sein Körper auf sie, auf ihre Worte, auf ihre Berührungen reagierte.

„Du erzählst Geschichten und ich weiß nicht, was ich dir glauben kann und was du dir gerade ausdenkst.“
„Und du erzählst mir die Wahrheit von dir und deiner Welt und es ist doch auch nur eine Geschichte. Als ob morgen nicht alles schon wieder anders sein könnte. Mein Lieblingsvogel ist der Kondor. Dabei weiß ich nichtmal, ob der Kondor ein echter Vogel ist oder ob ich mir das nur denke. Eigentlich gefällt mir hauptsächlich der Name. Ich stelle ihn mir vor wie eine Mischung aus Adler und Langstreckenflugzeug, was natürlich irgendwie mit der Fluggesellschaft zu tun haben könnte. Aber so ein kraftstrotzender Kondor, so einer, den ich mir vorstelle, der würde es mit Leichtigkeit schaffen, über den Atlantik zu fliegen, wenn du weißt, was ich meine. Vielleicht gäbe es auch nur einen einzigen seiner Art und der würde Milan heißen. Vielleicht kann mein Kondor dir aus dem brennenden Dornbusch seine Botschaft mitteilen. Dich aus den Fängen des Anblicks der Ägypterin zu befreien.“

Henry lachte. „Du bist ja eifersüchtig auf die schöne Nofretete!“

„Ja, das stimmt! Weil du auf das hineinfällst, was du siehst und nicht bemerkst, was du fühlst.“ Sie küsste ihn auf der Bank in der Nacht und er wusste, dass es genau Sarahs Lippen waren, die er küssen wollte, und nicht die einer anderen, und sei es eine Königin. Sarah nahm ihn mit in ihre phantastische Welt, einfach hier, mitten in Berlin.

„Ich weiß nichts von dir. Ist alles ausgedacht, was du auf deinem Profil über dich geschrieben hast?“

„In meinem Kopf ist es ganz real. Was stimmt schon, das ein Mensch von sich behauptet. Ist dir das bei deinen vorherigen Begegnungen nie aufgefallen? Das ist keine böse Absicht, aber die meisten Menschen wissen nichts über sich. Deshalb muss ich Menschen begegnen, um zu erfassen, wer sie sind. Worte sind formbar und zerfließen wie Wasser im Rinnstein. Ich glaube nur meinen Fingern.“

Henry fühlte sich ein bisschen unbehaglich und überlegte, ob er etwas geschrieben oder gesagt hatte, das nicht stimmte. Ganz sicher hatte er sich darum bemüht, mit vielen Worten nicht zuviel über sich zu verraten. Er betrachtete Sarahs Profil, ihre Augen waren immer noch auf die Sterne gerichtet, als würde sie mit dem Himmel sprechen und er sei nur ein zufälliger Zuhörer. Wie schön sie war. Er überlegte, wie lange sie brauchen würden bis in seine Wohnung, und ob das nicht unendlich viel zu weit war von dieser Stelle auf der Wiese gegenüber der Museumsinsel, am liebsten würde er sie hier lieben, auf der Stelle, mitten im Touristenparadies.

Als hätte sie seine Gedanken gehört, sprang sie auf.

„Soweit sind wir noch nicht! Wir gehen erstmal tanzen, denn ich bin so neugierig, was mir dein Körper über dich erzählt.“ Henry fühlte sich schon wieder ertappt.

„Blue-Star“, sagte sie und zog ihn hoch von der Bank, er schaute sie fragend an.

„So heißt er, der Club.“

„Aber ich tanze nicht“, wehrte sich Henry. Und es stimmte, meist stand er am Rande der Tanzfläche, beobachtete Frauen und verteilte heimlich Noten.

Komm, Captain Morgan“, sagte sie und berührte Henrys Hand. Und er ließ sich von ihr entführen ins Reich der Phantasie. Womöglich war diese Welt viel näher an der Wirklichkeit, als er es sich je vorgestellt hatte.

 


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