Plastik-Pelikane

Swakopmund – noch 10 Kilometer. Anna kurbelte das hintere Wagenfenster herunter und ignorierte die Proteste ihres Bruders und seiner Freundin. Seit Tagen fuhren sie gemeinsam in dumpfer Hitze mit geschlossenen Fenstern, um den Staub der unbefestigten Straßen auszusperren. Nicht, dass es geholfen hätte, ihr Auto war erstaunlich durchlässig. Auf Annas Haut lag eine feine, graue Schicht winziger Körner, selbst zwischen ihren Zähnen knirschte es.

Als sie zum ersten Mal von den Teerstraßen auf die „Dirt Roads“ abgebogen und im geschlossenen Wagen vom Wüstensand eingenebelt worden waren, fürchtete Anna, sie könne unmöglich weiteratmen. Jetzt waren ihr hereinschwappende Staubfontänen gleichgültig. Bald würden sie am Meer sein. Anna streckte ihren Kopf mit geschlossenen Augen durch das Fenster und ließ ihr Gesicht vom Fahrtwind massieren. Anna sehnte sich nach der salzhaltigen, feuchten Küstenluft, dem Geruch nach Fisch, Motorenöl und Verrottung. Sie wollte Leben riechen und die verdorrte, öde Wüste hinter sich lassen. Anna konnte es kaum erwarten, Wellen zu sehen nach tagelangem Blick auf reglose Landschaft.

Sie zog ihren Kopf wieder ins Wageninnere, um sehen zu können. Endlich passierten sie das Ortsschild mit der Aufschrift: „Swakopmund“. Auf der Suche nach einem Hotel durchfuhren sie die kleine Stadt. Sie wirkte ausgestorben, es waren kaum Menschen auf der Straße. Es war August, es war Winter in Namibia.

Rike entdeckte „Plastik-Pelikane“ auf den Dächern der eingeschossigen Häuser. Paul und Anna sahen sich an und prusteten los, die Anspannung der langen Fahrt löste sich. Einer der Vögel kratzte sich am Kopf, Rike wurde rot.

Nach kurzer Suche fanden sie ein Zimmer, luden ihr Gepäck aus und Anna wollte sofort zum Strand. Sie kam sich wie ein Anhängsel vor und wollte für sich sein, wenigstens einen Spaziergang lang.

Anna wanderte durch die menschenleeren Gassen und sog die fremden Eindrücke auf. Entdecken wollte sie dieses andere Ende der Welt und seine Menschen. Anna war achtzehn und zum ersten Mal weit weg von zu Hause. Doch auch hier setzte sie einen Fuß vor den anderen und niemand bemerkte die ungeheure Besonderheit daran. Gehen wurde zu einem Ereignis, allein durch den Ort des Geschehens. Sie lief durch die ehemalige deutsche Kolonie „Süd-West-Afrika“ am südlichen Zipfel des schwarzen Kontinents.

Anna liebte Abenteuer, auch wenn diese bisher alle in ihrem Kopf stattgefunden hatten. Endlich war sie dort, wo sie immer schon hinwollte: Weit weg. Sie zog ein schmales Buch von John Steinbeck aus ihrer Tasche. „Meine Reise mit Charly“. Steinbeck beschrieb darin seine Erlebnisse auf dem Weg durch die USA in einem Wohnmobil. Anna war schon vor Jahren, als sie es zum ersten Mal gelesen hatte, fasziniert gewesen von seinen Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen.

Menschen. So furchtbar viele schien es hier aber nicht zu geben, in der vergangenen Woche hatten sie eine Handvoll gesehen. Auch am Strand war sie alleine. Offenbar konnte sich niemand bei 25 Grad für eine Abkühlung im Meer begeistern. Anna sah sich um und erkannte in der Ferne einen Menschen. Ein Wagen war in Strandnähe geparkt, davor stand ein Angler. Das musste ein Einheimischer sein. Anna freute sich auf den Spaziergang, er war sicher zwei, drei Kilometer entfernt. Ihre erste Begegnung hatte sie dabei fest im Blick.

Anna genoss den Wind, sie hörte das laut und leiser werdende Rauschen der Wellen und Motorengeräusche einiger Boote, die aus dem Hafen ausfuhren. Möwen kreischten knapp über der grauen Wasseroberfläche, die den bedeckten Winterhimmel des südlichen Afrikas widerspiegelte. Anna erinnerte sich daran, wie sie fünf Jahre zuvor erstmals das Meer geschmeckt hatte. Natürlich hatte sie vorher gewusst. Doch dann war sie verblüfft gewesen über die Konzentration und die Kraft des Salzes.

Annas Blick fokussierte wieder den einheimischen Angler. Sicher war er hier aufgewachsen und hatte bereits bei seinem ersten Atemzug einen Schwall salziger Luft inhaliert. Sie schätzte den Angler auf Anfang Dreißig. Er war blond, groß und trug einen Schnauzbart. Vielleicht waren seine Vorfahren Anfang des Jahrhunderts aus Deutschland in dieses karge Land ausgewandert. Anna war nur noch wenige Meter von ihm entfernt. Ihr Herzschlag wurde schneller, ihre Schritte langsamer. Sie blieb stehen, dann sprach sie ihn an, auf Englisch. Er hatte sie nicht bemerkt und schreckte auf, als Anna ihn aus seinen Gedanken riss mit der Frage, was er denn fischte. Er sah sie irritiert über die Schulter hinweg an und antwortete so, als wäre er nicht ganz sicher, ob sie das wirklich von ihm wissen wollte. Er nannte ihr ein paar englische Begriffe, die sie noch nie gehört hatte. Geschweige denn konnte sie die Worte mit dem Aussehen von Fischen in Verbindung bringen. Sie nickte. Der fremde Angler kehrte ihr nach seiner knappen Antwort sofort wieder sein Profil zu und blickte über die Angel hinweg auf das Meer. Anna blieb beschämt noch einen Moment stehen, verabschiedete sich dann und ging an ihm vorbei.

Nach ihrem Fehlschlag bewegte sie sich mechanisch weg vom Ort der Verlegenheit. Sie war aber auch zu dumm, sich ausgerechnet jemanden auszusuchen, der sich an einen abgelegenen Flecken zurückgezogen hatte, vermutlich um in Frieden gelassen zu werden. Anna drehte sich kurz um und begegnete seinem Blick. Beim weitergehen fühlte sie sich beobachtet. Vielleicht bildete sie sich das nur ein. Sie gelangte zu einem Felsen, hinter den sie sich setzte und dabei unauffällig nach ihrem Kontaktversuch spähte. Er starrte noch immer oder wieder in ihre Richtung, mit der Angel in der Hand. Nun fühlte sie sich wie ein gefangenes Kaninchen im Käfig. Sollte sie einen weiten Bogen durch die Dünen gehen, um in die Stadt zurückzugelangen? Was, wenn sie sich dort verlaufen würde? Nach einigem Überlegen entschied sie sich für den gleichen Weg zurück am Strand entlang. Anna schlenderte betont langsam zurück, wobei sie ihn nie aus den Augen ließ. Sie tat so, als würde sie die Aussicht genießen, blickte über das Meer und beobachtete dabei ständig aus den Augenwinkeln diesen Mann, der immer wieder zu ihr starrte. Wenn nur wenigstens ein paar andere Leute am Strand zu sehen gewesen wären, aber weit und breit war niemand. Anna wurde immer mulmiger, je näher sie ihm kam. Jetzt war sie nur noch ein paar Meter entfernt. Kaum in Hörweite, sprach er sie an und begann sie auszufragen. Woher sie käme, wie lange sie bliebe, mit wem sie unterwegs sei. Wie hätte sie ihm jetzt nicht mehr antworten können, schließlich hatte sie selbst ihn angesprochen? Anna hatte gar keine Lust mehr mit ihm zu reden, aber fühlte sich irgendwie verpflichtet dazu. Doch sie fühlte sich unwohl, seine vielen Fragen waren ihr unangenehm. Dennoch gab sie ausweichende und möglichst kurze Antworten. Sie hoffte, dass er sie endlich in Ruhe lassen würde. Er hörte aber nicht auf, sondern bemühte sich, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Sie wollte weg, aber er ließ sie nicht gehen. Er wollte wissen, wo sie wohnte und sie am Abend besuchen. Anna wand sich, wollte keine Angst zeigen, ihn zurückweisen, trotzdem nicht unhöflich sein, am liebsten weglaufen – alles gleichzeitig. Sie verabschiedete sich abrupt, ging zügig davon, am liebsten wäre sie gerannt. Das war einer der Momente, in dem sie sich Augen im Hinterkopf wünschte, sie fühlte sich wehrlos, mit dem Rücken zu ihm. Noch immer war weit und breit kein Mensch zu sehen, was für eine Scheißidee das von ihr gewesen war, allein an den Strand zu gehen. Sie erwartete ständig, dass er sie zurückrufen oder hinter ihr herkommen würde. Anna arbeitete sich auf dem sandigen Grund vorwärts, sie ging und ging und schien sich den Häusern der Stadt kaum zu nähern. Dann hörte sie, wie das Auto angelassen und das Motorengeräusch lauter wurde. Auf gleicher Höhe mit ihr passte er sich ihrer Schrittgeschwindigkeit an und schlug vor, sie mit in die Stadt zurückzunehmen. Aus irgendeinem Grund blieb sie stehen, das Auto hielt an. Ob es sein Grinsen war, seine Hartnäckigkeit, seine Selbstgefälligkeit oder sein dämlicher Schnauzbart, aus irgendeinem Grund schlug Annas Angst von einem Moment zum anderem um. Sie konnte es einfach nicht fassen, dass er vor ihr im Auto saß und sie angrinste, obwohl sie ihm doch deutlich genug zu verstehen gegeben hatte, dass sie nichts von ihm wollte! Sie hatte diesen Typen einfach nach verdammtem Fisch gefragt, das war ja wohl kein Verbrechen. Dieser Kerl hatte ihr ihren ersten Spaziergang am Strand vermiest und ihr in der letzten halben Stunde Angst eingejagt. Wütend auf diesen Arsch, der sie ausfragte, obwohl sie ihm nur eine winzige Frage gestellt hatte. Sie funkelte ihn an, stemmte ihre Arme in die Seiten und brüllte in aller konzentrierter Kraft, die aus der Tiefe ihres Bauches herauskam, ohne dass sie es kontrollieren konnte oder wollte: „Nein!“ hallte es in die Richtung des offenen Wagenfensters, schallte es in den afrikanischen Winterhimmel und lag so laut in der Luft, dass es die Wellen übertönte und das Rauschen des Motors. Der Wagen fuhr sofort los und wurde immer kleiner, bis er endlich in die Stadt hineinfuhr und aus ihrem Blick verschwand. Anna stand noch immer wie erstarrt am selben Fleck, dann ließ sie sich auf den Sand fallen, überwältigt über das Biest, das in ihr wohnte und zum ersten Mal aus ihr herausgebrochen war. Sie war erschüttert und erleichtert. Dann fing sie an zu lachen. Das hatte sie davon, in fremden Spuren herumzutapsen.

Anna zog ihre Schuhe aus, stand auf und ließ das kalte Meerwasser ihre Füße umspielen. Sie streichelte das Wasser mit ihren Händen und kostete von der Kraft des Salzes.


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