Mit den Ohren unter Wasser

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Tilda riss den Briefumschlag auf. Er war von der Schule an ihre Mutter adressiert. Sie überflog die Zeilen, ihre Hände zitterten. Die neue Klassenlehrerin wollte dringend einen Termin mit ihrer Mutter vereinbaren, sie hatte schon mehrfach vergeblich versucht, sie telefonisch zu erreichen. Tildas Aufregung wuchs. Es war unmöglich, dass Frau Bertram ihre Mutter traf. Wo hätten sie sich auch begegnen sollen? Der einzige Ort, an dem ihre Mutter sich noch aufhalten konnte, war ihre Wohnung, ihr eigenes Bett. Was für eine Ausrede konnte Tilda sich nur einfallen lassen? Verschieben würde vielleicht ein paar Wochen gehen, aber dann? Dass ihre Mutter krank war, konnte sie nicht zugeben, obwohl die Lehrerin dass bestimmt schon wusste. Warum sonst war sie so hartnäckig und rückte Tilda auf den Leib. Angeblich wollte sie ihr helfen, doch sie machte alles schlimmer. Als ob ihr Leben nicht schon kompliziert genug war.

Tilda stieg die zwei Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. Wenn sie Parterre wohnen würden, dann könnte sie ihre Mutter im Rollstuhl spazieren fahren. Aber sie hatten gar keinen Rollstuhl. Und zwei Treppen würde Tilda ihre Mutter niemals hinunter und schon gar nicht mehr hinauf bekommen. Obwohl ihre Mutter so dünn geworden war, dass man ihre Knochen spürte. Und trotzdem war sie so schwer wie ein Mehlsack, wenn sie aus dem Bett gehievt werden musste. Oft genug tat ihr der Rücken weh vom Bewegen des kranken Mutterkörpers.

Tilda hatte kaum die Wohnungstür aufgeschlossen, als ihre Mutter nach ihr rief. Sie brauchte ihre Hilfe, sofort.

Sie hatte den ganzen Vormittag darauf gewartet, dass Tilda von der Schule nach Hause kam. Umwege gab es schon lange nicht mehr in ihrem Leben. Nur noch eiliges Gehen vom einen zum anderen Ort.

Anfangs war es nur selten so gewesen, dass es ihrer Mutter schlecht ging. Dann wurde es regelmäßiger, vielleicht einmal pro Woche. Doch dann hatte ihre Mutter wieder genug Kraft gehabt, um aufzustehen. Doch schleichend war es immer mehr geworden, bis es überhaupt keine guten Phasen mehr gab.

„Es tut mir leid, Schatz, ich habe es nicht geschafft.“ Ihre Mutter war zerknirscht, das Bett war nass. Sie ließ sich nichts anmerken, damit sich ihre Mutter nicht noch schlechter fühlte.

„Schon in Ordnung, Mama“ sagte sie, während sie ihr wohlbekannte Handgriffe verrichtete. Zuerst die Mutter vorsichtig, Schritt für Schritt ins Badezimmer begleiten. Sie waschen und ihr in neue Kleidungsstücke helfen. Dann das Bett frisch beziehen und die Mutter wieder langsam zurück begleiten. Danach gab sie ihr etwas zu essen, außer Suppe konnte sie nichts mehr zu sich nehmen, sie hatte Probleme mit dem Schlucken. Alles in Zeitlupe, jede Verrichtung dauerte eine halbe Ewigkeit. Doch dann, wenn das alles geschafft war, sah Tilda in dankbare und zufriedene Augen. Ihre Mutter war so erschöpft, dass sie ein bis zwei Stunden schlafen würde. Und das gab Tilda eine kleine Pause, ihre freie Nachmittagszeit. Sie konnte sich nicht weit entfernen, doch nebenan, in ihrer Nachbarwohnung, wartete eine andere Welt auf sie.

„Mama, ich geh rüber zu Madame, ich bin nicht weit weg, in Ordnung?“

Ihre Mutter nickte matt und versuchte ein Lächeln. „Geh nur!“, sagte sie.

Tilda durfte jeden Tag vorbeikommen und eine halbe Stunde auf dem verstimmten Klavier der 80jährigen Dame spielen. Ein paar Töne und Noten hatte sie ihr gezeigt und die spielte sie immer wieder, staunend. Wenn Madame Tatü genug hatte, dann stellte sie ihre Schallplatten an und sie hörten gemeinsam ein ausgewähltes Klavierstück an, mehrmals. Und anschließend erzählte Madame Geschichten, wie sie als junge Sängerin Konzerte gegeben hatte. Wie sie mit Lampenfieber gekämpft und sich in einen berühmten Pianisten verliebt hatte. Leider hatte der ihre Liebe nicht erwidert. Madames Geschichten entführten Tilda in eine längst vergangene Welt. Ihre alte Nachbarin lebte in ihrer Jugend und die Probleme der heutigen Welt gingen sie nichts mehr an. Tilda war das nur recht und sie ließ sich allzu gerne mitnehmen in eine andere Zeit.

Nach einer Stunde wurde Tilda langsam unruhig, verabschiedete sich und ging zurück zu ihrer Mutter. Sofort dachte sie wieder an den Brief ihrer Klassenlehrerin. Wie gerne hätte sie ihrer Mutter davon erzählt und sich mit ihr beraten, was sie tun sollte. Aber ihre Mutter war zu schwach, sie konnte ihr keine Aufregungen mehr zumuten. Tilda musste sich selbst etwas einfallen lassen.

Sie erinnerte sich noch daran, als sie zum ersten Mal Post geöffnet hatte, die nicht für sie bestimmt war. Ihre Mutter lag auf dem Sofa und bat Tilda, einen Brief zu öffnen und ihr vorzulesen. Ein Brief, der unbedeutend gewesen war. Doch inzwischen war nichts mehr unbedeutend. Es waren Briefe von der Bank, Rechnungen, Mahnungen.

Sie hatte Angst. Hoffentlich würde mit dem Brief ihrer Lehrerin nicht alles auffliegen. Ihre Lehrerin hatte Andeutungen gemacht. Dass sie ihr helfen wollte. Doch wobei wollte sie ihr helfen? Dabei, ihre Mutter aus dem eigenen Urin zu befreien oder dabei, sie zu füttern und zu beruhigen, sie abends zum Schlafen umzuziehen? Und all das, Tag für Tag? Nacht für Nacht?

Ihre Mutter würde es nicht verkraften, wenn Tilda von ihr fort musste. So oft hatte sie gebeten, niemand etwas zu erzählen. Und Tilda gehorchte. Sie pflegte ihre Mutter, so gut sie konnte. Sie hatte im Internet alles über die Krankheit gelesen. Es gab Fälle, in denen es den Leuten wieder besser ging.

Tilda versuchte sich tagsüber auf die Schule zu konzentrieren, doch das ging immer schlechter, weil sie sich Sorgen machte. Dass alles aufflog. Dass sie getrennt wurden. Oder dass ihre Mutter sterben würde.

„Bloß nicht in ein Krankenhaus!“, hatte ihre Mutter gesagt, sie angefleht.

Tildas Leben war eine Flucht. Nicht einmal ihrer Freundin Jule konnte sie sich mehr anvertrauen. Am Anfang hatte sie ihr noch erzählen können, dass ihre Mutter krank war. Inzwischen erfand sie gemeinsame Ausflüge, um zu zeigen, dass bei ihnen alles normal war. Eine normale Familie, bei der die Mutter so hilfsbedürftig war wie ein Baby und bei der die Tochter perfekt ihre Unterschrift fälschen konnte. Dabei war sie erst 15. Tilda log alle an. Die Ärzte, die nur in Notfällen kommen durften. Ihre Lehrer, ihre Mitschüler. Es war unmöglich, dass sie auf eine Klassenfahrt mitfuhr. Sie log, dass sie kein Geld hatten dafür. Dabei war es nicht gelogen. Nur war das nicht der Grund. Sie konnte ihre Mutter nicht alleine lassen. Es gab niemand außer ihr. Tilda kannte ihre Großeltern nicht einmal von Fotos. Ihren Vater hatte niemand je wiedergesehen, seit er sie verlassen hatte, als sie fünf Jahre alt war.

Tilda musste bei ihrer Mutter bleiben. Sie hatten nur noch sich. Wenn sie noch drei Jahre durchhalten würden, dann wäre sie volljährig, dann wäre sie 18.

Alles was Tilda wollte, war eine normale Familie. So normal wie möglich. Normal war, gemeinsam in einer Wohnung zu leben. Auch wenn sonst an ihrem Familienleben nichts, aber auch gar nichts war, wie es hätte sein sollen.

Warum mischte sich diese Klassenlehrerin in ihr Leben ein? Hatte sie jemand verpfiffen? Vielleicht war es Jule gewesen, die der Lehrerin etwas von der Krankheit ihrer Mutter verraten hatte? Warum konnte nicht alles so bleiben, wie es war? Es war schwer genug, auch ohne dass sich fremde Menschen in ihre Angelegenheit mischten.

Tilda konnte in dieser Nacht lange nicht einschlafen. Übermüdet machte sie sich am nächsten Morgen auf den Weg zur Schule. Es wollte ihr einfach keine Ausrede einfallen. Vielleicht war sie zu erschöpft, keine Reserven, keine Lügen mehr in ihr.

In der ersten Schulstunde hatten sie Musikunterricht, das gab ihr noch etwas Zeit, sich eine Antwort auf die unabwendbare Frage zu überlegen.

Eigentlich mochte sie den Musikunterricht, doch heute meldete sich Frederik und berichtete großspurig von seinem Konzerterlebnis am Abend zuvor. Er war mit seinen Eltern in der Philharmonie gewesen und hatte einen berühmten Pianisten gehört. Tilda traf diese Erzählung. Sie konnte Frederik nicht ausstehen und war noch nie so zornig, so neidisch gewesen, wie in diesem Moment. Er hatte alles, was man sich nur wünschen konnte. Gesunde Eltern, er durfte Klavierstunden nehmen und war sogar gemeinsam mit ihnen im Konzert gewesen.

Wie oft hatte Tilda sich vorgestellt, wenn Madame Tatü von ihren Konzerten erzählte, dass sie mit ihrer Mutter eines Tages dort hineingehen würde. Wenn ihre Mutter wieder gesund wäre. Irgendwann. Im Moment wäre das schon wegen der vielen Treppen nicht möglich und nicht ohne Rollstuhl. Wie gerne hätte sie die Musik mit ihrer Mutter geteilt. Trostmusik. Gerade jetzt erzählte dieser Frederik davon, ausgerechnet. Hätte nicht Tilda verdient, so etwas wunderbares zu hören, zu erleben? Ihre eigenen Konzerterlebnisse waren die bei Madame Tatü und danach in ihrer Badewanne. Mit den Ohren unter Wasser spielten sich die Stücke nochmals ab, in ihrem eigenen Kopf tauchten sie auf und Tilda konnte sie beliebig oft wiederholen, als hätte sie eine innere Play-Taste und als würde sie immer wieder auf Repeat drücken.

Frederik hatte eine CD dabei und die Musiklehrerin schlug vor, sie zu hören, eine kleine Abweichung zu nehmen.

Tilda schloss die Augen und die ersten Töne trafen sie, sie kannte dieses Stück und es war so schön, bereits bei den ersten Tönen hatte sie solche Mühe damit, ihre Tränen zurückzuhalten. Sie kniff sich, so fest sie nur konnte, mit ihren Fingern in die Hand, in den Unterarm, in diesem Moment verfluchte sie sich dafür, dass sie ihre Fingernägel fraß, abfraß, sie hätten so scharf sein können wie Messer, sie hätte sich damit die Haut aufritzen können, doch da war nichts als Fleisch und sie kniff sich stärker, um nicht zu heulen und am liebsten wäre sie auf der Stelle in Schmerzschreie ausgebrochen, waren das die Schmerzen, von der ihre Mutter immer erzählte, ihr Herz, ihre Brust tat weh und Tilda sah durch diesen Wasserschleier nichts mehr, sie hört Klavierklänge, die langsamer wurden, als spielte jemand die Tonspur in Zeitlupe ab. Die Geschwindigkeit der Töne verlangsamten sich zu einem dumpfen Klangbrei und dann war da ein Geräusch von etwas, das auf den Boden prallte, es war ihr Kopf, der es verursachte, der bei dem Sturz auf die hölzernen Dielen des Klassenzimmers auftraf.

 

 


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