Aranka Fortwängler

Ich bin Alexander-Technik Lehrerin und bilde auch Alexander-Technik Lehrerinnen und -lehrer aus. Ich arbeite mit den Menschen und bilde sie aus, damit sie sich selbst und ihre eigenen Funktionsweisen besser kennen- und optimieren lernen. Wie kann jemand lebendiger, aufrechter, leichter in seinem Körper sein? Wie kann jemand unbeschwerter und fokussierter in seinem Handeln sein? Damit ein Mensch nicht gegen sich geht, sondern sich selbstunterstützt, in allem, was er sich im Leben wünscht. In seinen Aufgaben, Visionen und Träumen.

Körper ist das, wodurch wir leben, wodurch wir uns verwirklichen. Die körperliche Berührung in der Arbeit mit den Menschen ist dabei zentral, sie ist die Basis, der Andockpunkt. Aber meine Arbeit geht weit darüber hinaus. Ich arbeite nicht nur mit den Händen, sondern ich arbeite mit meiner gesamten Wahrnehmung, mit meiner gesamten Erfahrung. Ich schaue, was einen Menschen in seinem Denken, in seinen Bewegungen, in seinen Aktivitäten ausmacht. Seine ganze Persönlichkeit ist untrennbar verbunden mit der Art, wie er im Leben agiert. Und wie der Mensch mit sich und mit seinem eigenen Körper umgeht, entscheidet, ob sein Leben in eine gute Richtung geht oder unnötig beschwert wird, ober gar krank wird.

Vielleicht hat ein Mensch von sich Ideen, Konzepte oder Vorstellungen gespeichert, die ihm und seinem Körper nicht guttun. Weil sie so selbstverständlich sind, ein Teil seines Alltags und seiner Gewohnheit, merkt er jedoch gar nicht, dass sie ihm schaden. Meine Aufgabe als Alexander-Technik Lehrerin ist, diese Muster aufzuspüren. Diese Reibung, diese Disharmonie, dieses eigentlich gegen sich selbst sein. Und das dann meinem Schüler zu spiegeln.

Lernprozesse

Ich zeige die Möglichkeiten auf, der Schüler hat die Wahl. Ich kann als Lehrerin nicht sagen, ich ändere dich oder du musst dich ändern.

Nehmen wir an, jemand nutzt seinen Computer und eigentlich  tut er sich die ganze Zeit weh, er macht sich unter Umständen sogar krank durch die Art und Weise, wie er sich dabei zusammenzieht und anspannt. Wenn er die Folgen davon merken kann, dann sind die Chancen groß, dass er sich für eine Änderung öffnet. Natürlich ist es noch immer viel Arbeit, sich zu verändern, weil so viele neuronalen Pfade tief „ausgetreten“ sind. Da braucht es immer wieder von Neuem die Kraft der Entscheidung, um zu sagen: Nein, da gehe ich nicht wieder hin!

Doch allmählich wird der Schüler sein eigenes sensibles Messinstrument. Er spürt, wenn er so reagiert, bremst ihn das aus, das ist es, was ihn krank macht. Und wenn er es auf eine andere Art macht, geht es ihm gut, hat er Raum, kann durchatmen, loslassen.

So wie ich das Ergebnis meiner Arbeitmit meinen Schülern loslassen muss, genauso muss ein Musiker sein Musikstück loslassen können. So muss auch ein Computerarbeiter seine Idee „das und das muss jetzt noch erledigt werden“ loslassen. Man muss es loslassen und dann damit leben, dass wir es nicht direkt kontrollieren können. Wir könnennur den Raum offenhalten und dann ereignet sich just das, was sich ereignet. Und das ist immerdas Allerbeste! Dasbinwirklichich! Kein „ich sollte so sein“ oder „ich müsste das machen“. Nichts ist besser als in diesem Raum zu sein. Auch wenn er sich manchmal völlig unberechenbar anfühlt!

Von Dauer

Wie lange so ein Prozess ist, das kann ganz unterschiedlich sein. Es kommt sehr auf den Menschen an. Wieviel Erfahrung in Zuwendung zu sich selbst er mitbringt. Ich denke an mich selbst. Ich bin als junge Musikerin mit starken Schmerzen zur Alexander-Technik gekommen. Ich war sehr stark erfolgsorientiert, ich wollte diese Töne erzwingen. Ich wollte diese Stücke perfekt haben. Dass es einen Körper da hinten gibt, dem es vielleicht schlecht geht, wenn ich ihn sehr stark dabei zusammenziehe und zusammendrücke, war mir überhaupt nicht bewusst. Dass ich von so viel Zwang und Druck weder frei noch glücklich sein konnte, ebenfalls nicht. Dafür musste erstmal mein ganzer Sinn erwachen.

Und dann gibt es völlig andere Menschen. Neulich habe ich eine erste Stunde gegeben, und da war diese Frau, die sofort alles verstanden hat. Sie war mit diesem ursprünglichen eigenen Körper verbunden und innerhalb von einer Stunde konnte sie verstehen, wofür man normalerweise Wochen braucht. Die Unterschiede können sehr groß sein.

Es ist ein bisschen, wie beimInstrument lernen. Nehmen wir an, jemand kommt zu einem Geigenlehrer und will Geige lernen. Nur weil dieser es so gut erklärt, wird der Schüler trotzdem nach einer Stunde noch kein Mozart-Konzert spielen können. Aber nehmen wir an, jemand kommt zu einem Geigenlehrer und hat schon zehn Jahre ganz verkehrt Geige spielen gelernt. Dann wird dieser Prozess nochmal anders sein. Denn er muss zusätzlich ganz viel vom Gelernten loslassen, verlernen.

Manchmal kommen die Menschen zu mir und wissen eben nicht, wie man das Instrument Körper spielt. Sie haben nicht die richtige Gebrauchsanweisung bekommen und müssen dann nicht nur lernen, wie es zweckmäßiger ist für dieses Instrument gespielt zu werden, sie müssen auch noch ihre alten Gewohnheiten lernen loszulassen. Das kann manchmal ein paar Jahre dauern.

Berührung

Berührung – in unserem Alexander-Technik Jargon „Hands-on-Arbeit“ genannt – ist ein ganz wichtiger Teil unserer Arbeit. Was in der Ausbildung die ganze Zeit hindurch geschult wird, ist das Bewusstsein, wie wir berühren. Ich glaube, das ist etwas sehr einzigartiges. Ich weiß gar nicht, ob es einen anderen Beruf gibt, in dem man in so einer Konsequenz und in so einer Feinheit lernt und übt, die Menschen zu berühren, ohne sie ändern zu wollen, mit ganz klarerPräsenzund ganz viel Respekt.

Meine Hände müssen diesen ganzen Geist und diese ganze Philosophie von der Alexanderarbeit ins Feinste kommunizieren können. Wenn ich einen Menschen berühre, dann sprechen meine Hände zu seinem Körper und seinem ganzen Nervensystem, zum Sein von diesem Menschen. Sie sagen ihm: da bist du und ich lasse dich sein. Ich manipuliere dich nicht, ich ändere dich nicht. Ich schiebe dich nirgendwohin. Ich gebe dir Raum zu sein. Und diese Art von Berührung, diemaximaleOffenheitundAkzeptanzspiegelt, ist eigentlich per se heilend.

Das ist es, was jeder Mensch auf diesem Planeten tonnenweise brauchen kann. Was ganz selten stattfindet. Vielleicht, wenn wir Glück hatten, wurden wir auf annähernd so eine Weise als Babys und kleine Kinder berührt. Im Erwachsenenalltag erleben wir das einfach zu wenig. Und das ist ganz kostbar und das ist zentral. Es gibt noch viele andere Lernprozesse, aber das Zentrale ist diese QualitätderBerührung, die Raum lässt und die sein lässt.

Soviel Offenheit, Präsenzund Respekt muss natürlich auch in meiner inneren Einstellung sein, sonst kann sich das nicht in meinen Händen wiederspiegeln. Und dann sind wir wieder an dem Punkt, wo es um das Ganze geht, um den ganzen Menschen. Nicht nur die Körperarbeit.

Lernen und Lehren

Einige Leute, wenn sie Einzelstunden nehmen, sind irgendwann soweit, dass sie auch die Ausbildung machen möchten und selbst Alexander-Technik Lehrer werden wollen. Das ist wie bei vielen Dingen. Wenn man in die Tiefe kommt, wird es faszinierend. Wenn man gelernt hat, sehr gut Geige zu spielen, dann kann man irgendwann Musik mit anderen Leuten machen oder gar im Orchester spielen. Das ist faszinierend, dann entsteht nochmal etwas ganzNeues, etwas Kreatives. Dann merkt man, eigentlich ist es ein Prozess ohne Ende.

Ich wardaein typischer Fall. Am Anfang habe ich gar nicht verstanden, worum es geht, mein Körper hat nur gemerkt:  Erleichterung, ein Stück Erlösung, Befreiung. Und das hat mich veranlasst, ganz intuitiv und spontan, davon will ich mehr erfahren. Schon nach der ersten, zweiten Stunde dachte ich, das möchte ich gerne selbstlernen. Aber ich habe es mir noch lange nicht zugetraut.

Ich hatte damals so viele Schmerzen, so viele Probleme beim Musik machen, dass ich an dem Punkt war, meinen Beruf aufgebenzumüssen. Ich fühlte mich zu dem Zeitpunkt sehr verzweifelt und deprimiert. Und das alles vermochte Alexander-Technik völlig rückgängig zu machen. Nicht nur rückgängig zu machen, es fing sogar an, mir Spaß zu machen. Nicht nur, dass es nicht mehrwehgetan hat. Es hat Spaß gemacht, im Körper zu sein, Dingevölliganderszu machen, überhaupt, zu leben! Erst nach ungefähr zwei Jahren, das war 1976/77, habe ich mich dann getraut meinem Lehrer zu sagen, dass ich es auch lernen will. Damals war das noch nicht so einfach, denn es gab nicht viele Alexander-Technik Schulen. Ich hätte von Deutschland nach Israel oder nach Amerika oder nach England übersiedeln müssen.

Das war also der eine Punkt: mir zuzutrauen, etwas zu machen, was mich sehr fasziniert hat, was mir von Anfang an so magisch vorkam. Die andere Seite war, dass ich gemerkt habe, meine Gewohnheiten, all das, was ich in meinem Musikstudium, in meinem Leben gelernt habe, sind so stark, ich muss das wirklich von der Pike auf ändern. Ich muss es einfach lernen, wenn ich hier in meinem Leben mehr Raum, mehr Freiheit, mehr Wohlbefinden haben möchte. Und auch mehr Kompetenz und Erfolg in meinem Beruf. Es war fast so wie ein Imperativ, was mir da gezeigt wurde.

Zunächst dachte ich also, dass ich nach London gehen muss, um dort die Ausbildung zu machen. Die Schule dort hatte eine Warteliste von zwei Jahren und nach diesen zwei Jahren, als ich schon richtig bereit war umzuziehen, hat mein damaliger Lehrer, Yehuda Kupermann, eine Schule in Basel eröffnet. Ich bin in Freiburg geblieben und drei Jahre lang täglich von Freiburg nach Basel gependelt. Ich hatte drei Nebenjobs, habeoft abends bis 22, 23 Uhr gearbeitet, um das Ganze finanzieren zu können. Im Sommer 1982 war ich dann eine frisch gebackene Alexander-Technik Lehrerin!

Eigentlich habe ich die Ausbildung nur für mich gemacht, ich wollte gar nicht unterrichten. Ich war überglücklich, es hat sich dadurch so unglaublich viel geöffnet in meinem Leben. Einmal, dass die Schmerzen weg waren, dass Musik machen anfing Freude und Spaß zu machen. Dass ich ganz anders gehört, gesehen, die Welt erlebt habe. Mehr Mut und Zuversicht hatte. Vieles hat sich geändert. Aber ich dachte trotzdem nicht daran, es zu unterrichten. Das war mehr so ein Werkzeug für mich, um mein Leben handhaben zu können.

Aber ich hatte damals einen sehr guten, sehr tollen alten Lehrer aus Israel, Shmuel Nelken; also er war damals nicht so alt aber für mich schon, ich war Ende 20, er vielleicht um die 60. Heute bin ich selbst 66 und finde, so alt ist das eigentlich gar nicht! Und er war sehr streng und sehr klar und als er gehört hat, dass ich noch nicht unterrichte, hat er gesagt, das lernen Sie nie, wenn Sie es nicht anderen Menschen beibringen. Dann habe ich etwas unwillig angefangen, selbst zu unterrichten und das war ein ganz wichtiger Schritt. Denn es ist tatsächlich so. Wenn du es anderen beibringst, bist du gezwungen, es noch anders zu verstehen, anders in die Tiefe zu gehen. Und so ist Alexander-Technik überhaupt die wichtigste Richtung in meinem Leben geworden.

Wissen weitergeben

Es gab viele Umwege. Doch wenn ich von der heutigen Perspektive aus zurückblicke, dann finde ich, dass diese Umwege organisch waren. Organisch, aber nicht glatt. Und es hatte verschiedenste Stufen, die ich rückwirkend gar nicht mehr alle erfassen kann.

Im Alexander-Technik-Beruf ist es so, wie in allen anderen Berufen, man braucht gewisse Voraussetzungen, um ausbilden zu dürfen und die hatte ich dannirgendwann. Dennoch habe ich zunächst nicht daran gedacht, selbst auszubilden. Zwei Faktoren gab es, die dazu geführt haben. Einmal hatte ich zwei Kollegen, die sehr gerne ausbilden und mich unbedingt dabeihaben wollten. Der andere war, dass es Ende der 80er Jahre einen großen Bedarf gab. Das hat mich schlussendlich veranlasst, zuzustimmen.

Jetzt bilde ich seit dreißig Jahren aus. Und in diesem Prozess habe ich nochmal unglaublich viel gelernt – und bin nach wie vor dabei zu lernen. Lernen ist etwas, was in dieser Arbeit immer weitergeht und das finde ich sehr aufregend. Und deshalb liebe ich es. Ich liebe es, immer weiter lernen zu können und zu dürfen und ich liebe es auch, mein Wissen und Können anderen Menschen weitergeben zu dürfen!

Mitunter haben Studenten Angst davor, eines Tages selbst zu unterrichten. Das erinnert mich an meinen eigenen Prozess und ich versuche sie ein bisschen zu ermutigen und zu trösten. Ich erzähle, wie ich am Anfang manchmal gehofft habe, die Schüler kommen nicht! Oder manchmal, wenn etwas nicht so gut gegangen ist, dann habe ich abends gedacht, ich blättere jetzt in der Zeitung und suche mir einen anderen Job. Das schaffe ich einfach nicht, das ist so herausfordernd! Die Prinzipien der Alexander-Technik Arbeit sind zwar einfach. Aber jeder Mensch ist eine Welt für sich und diese Welten schienen mir am Anfang oft undurchschaubar und fremd.

Ich hatte viele solche Momente, in denen ich entmutigt war und fast aufgegeben hätte. Und ich kann nur sagen, Gott sei Dank habe ich nicht aufgegeben. Es gab etwas, das mich immer weitergezogen hat. In einem Buch von Alexander fand ich ein Zitat, das sehr gut zu meinem damaligen Zustand passte: „So entmutigt ich auch war, weigerte ich mich zu glauben, dass das Problem hoffnungslos sei“. Ich schrieb es groß auf ein Blatt Papier und hängte es in meinem Zimmer auf. Dieses Zitat begleitete mich jahrelang, ich hatte immer das Gefühl, dass F.M. Alexander selbst mich in solchen schwierigen Momenten ein Stück begleitet und getröstet hat. Und ich bin dann einfach immer wieder zu Fortbildungen gegangen oder zu Gastlehrern, zu anderen Schulen oder habe mich mit Kollegen ausgetauscht.

Seit ein paar Jahren kommt mehr Gelassenheit hinzu. Dabei würde ich nichtmal sagen, dass ich es viel besser kann oder dass ich weniger Fehler mache. Aber durch diese vielen Erfahrungen relativiert sich alles. Ich erkenne plötzlich die Quintessenz vom Ganzen und denke, ja, genau. So ist das Leben, die Arbeit. Es muss nicht besser und schon gar nicht perfekt sein. Es ist gut genug. Und dann entstehen immer wieder diese vielen kleinen Wunder.

Natürlichkönnte ich ein Programm daraus machen, aber das wäre total langweilig. Also bleibt es bei diesem anderen Weg. Es ist immer wieder wie ein Enigma, ein Rätsel, ein Labyrinth und das gilt es auszuhalten und den Faden des Vertrauens nicht zu verlieren. Es ist ein stetiges Hinhören, es ist Neugier auf eine völlig andere und mir unbekannte Dimension. Und es ist dieses Hören mit den Händen, wer ist dieser Andere mit all seinen Gesetzmäßigkeiten undEigenwilligkeiten. Worum geht esihm? Warum kommt er eigentlich? Wo kann ich ihm helfen? Wo kann ich ihn verstehen? Und ich muss cool bleiben, soweit es mir möglich ist. Ich darf mich nicht hineinverwickeln und eine Technik daraus machen, sonst ist dieser Raum verloren.

Etwas erreichen wollen

„Etwas erreichen wollen“ ist ein interessanter Aspekt und das hat nicht nur mit Alexander-Technik zu tun. Solange man etwas erreichen will, in einer zielstreberischen und zielfixierten Art, ist man sich selbst im Weg. Wie kann ich etwas anpeilen, eine Vision, ein Ziel haben und gleichzeitig in einem Raum und einem Rahmen von Loslassen bleiben? Das Ganze braucht einen größeren Raum, wo ich die Spannung dieser beiden Pole auszuhalten lerne. Und den ganzen Weg nochmal Schritt für Schritt durchgehe und jeden Schritt von neuem entscheide. Ziel hin- oder Ziel her, ich verliere nicht den Weg. Ich verlasse mich nicht. Ich werfe mich nicht über den Haufen. Ich bleibe gleichzeitig präsent und halte aus, diesen Raum in mir offen zu bewahren. Weil das der beste Weg ist, wie man zum Ziel kommt.

Dieser Raum, der kann nur entstehen, wenn ich in Beziehung und in Kontakt mit mir selbst bin. Und das heißt, mit meiner Art des Denkens und mit der Art, wie mein Denken meinen Körper regiert. Ich muss erstmal dieses Territorium meines Körpers kennenlernen. Die Unterschiede zwischen „Wann ist der Raum verstopft und verschlossen, wann ist er offen?“ Und dann setze ich es langsam in Zusammenhang mit dem, was ich in meinem Leben tun und erreichen möchte.

Wieder, an meinem eigenen Beispiel erklärt, als ich damals anfing, es auf die Flöte zu übertragen. Ich musste nicht mal meine Flöte in die Hand nehmen, es reichte, dass ich nur an das Spielen dachte und schon war meine alte Gewohnheit, mich zu verspannen, da. Also musste ich geduldig und schrittweise üben, mich in diesem neuen Feld zu orientieren und das kann zuweilen sehr langatmig und frustrierend sein. Es braucht viel Geduld und viel innere Kraft. Aha, ich denke jetzt an die Flöte, ich ziehe mich zusammen, stopp. Ich lasse mich los. Dann kam die Phase, wo ich die Flöte schon in die Hand nehmen konnte. Oder ich nahm sie in die Hand, aber dann zog ich mich schon wieder zusammen und dann übte ich von Neuem loszulassen. Und dann kam die Flöte schon bis zum Mund. Dann spielte ich dieses Spiel von: wie bewahre ich meinen inneren Raum und lerne allmählich, es zu verbinden mit dem äußeren Reiz, mit meinem Ziel, meinem Bestreben zuspielen.

Bei manchen Leuten geht das schneller, bei manchen langsamer. Mir hat´s ziemlich Zeit genommen. Ich konnte dann eine Weile vielleicht nur einen Ton spielen. Diesen einen Ton habe ich gespielt und dabei geübt auszuhalten, nicht in die alte Gewohnheit zu gehen, sondern es mit der neuen Art des Umgangs mit mir selbst zu verknüpfen. Mit diesem Gefühl und mit diesem richtig darauf insistieren, dass ich meinen inneren Raum gedanklich und körperlich nicht verschließen muss. Das fordert das Gehirn enorm, da entstehen massenhaft neue neuronale Verknüpfungen!

Das Gefühl an der Stelle ist irgendwie unheimlich. Denn alles in uns möchte gerne das alte, bekannte Gefühl haben. Aber das alte, bekannte Gefühl geht nur, wenn ich mich zusammenziehe. Das neue Gefühl ist unbekannt, fremd, fühlt sich quasi nach nichts an. Wenn ich mich nicht zusammenziehe, habe ich nichts in der Hand. Ich muss mich in eine neue, völlig unbekannte Wahrnehmung hineinschmeißen. In einen unbekannten Raum gehen und nichts erwarten. Und dann, plötzlich höre ich diesen Ton als Rückmeldung, der anders klingt. Und der klingt eigentlich so, wie ich ihn immer gerne haben wollte. Und das ist dann – wow! Das ist der Moment, wo sich das alles gelohnt hat, dann kann ich diese Wüste, wo keine neue Wahrnehmung da ist, durchqueren, aushalten.

Natürlich gibt es Rückfälle. Und dafür ist dann der Lehrer da. Der Lehrer oder die Lehrerin hält dir die Stange. Der weiß, dass du von Gott so geschaffen bist, dass du natürlich diesen Raum in dir hast und ihn auch bewahren kannst. Und natürlich klingst du dann besser. Du klingst besser, in dem, wie deine Finger die Computertasten berühren und in dem, wie sie die Klaviertasten anschlagen und in dem, wie du mit Menschen redest oder wie du läufst im Wald. Es klingt besser für deine Gelenke, es klingt besser für die Atmung, alle Teile von dir sind dann ein wunderschöner Sound.

Unbekannte Räume

In der Jungschen Psychologie zum Beispiel ist Angst der Archetyp vom Magier, also von demjenigen oder derjenigen, der die neuen Räume betritt. Jeder Eintritt in das Neue geht über diese Schwelle Angst. Das Wort „unheimlich“ passt hier. Dieses Gefühl kann viele Variationen oder Grade haben. Viele Leute werden es nicht direkt als Angst empfinden, sondern als starken Wunsch und Drang nach dem Sicheren, dem Vertrauten, dem Bekannten. Und überhaupt, es ist eine Kunst, jemanden dahinzubringen, das überhaupt schmecken und spüren zu wollen: hier habe ich nicht mehr den vertrauten Halt meiner alten Gewohnheit und muss den Mut finden, auf etwas Größeres, etwas Unbekanntes in mir zu schauen. Dass es in mir mehr Raum gibt, als ich je angenommen habe.

Angst spielt natürlich eine große Rolle indem sie oft die Menschen veranlasst, im Alten zu bleiben. Indem sie es den Menschen schwer macht, sich auf das Unbekannte einzulassen. Deshalb sehe ich meine Arbeit wie die einer Hebamme. Sie verhilft unbekannte und noch nie erlebte Geburtsprozesse in neue Räume zu begleiten. Diese zu erläutern und zu erklären. Es gehört dazu, wenn ein Schüler an einer Stelle ankommt, wo er merkt, dass er keine Kontrolle mehr hat. Dass er nicht mehr weiß, wie es weitergeht. Das ist die Geburtsstätte vom Neuem. Jetzt gilt es nur, das nicht zu verwerfen, das nicht negativ zu sehen, sondern wie bei einer guten Stamina, es auszuhalten. Es anzunehmen und sich zu sagen, das ist ein guter Ort. Nicht der Ort, wo ich Kontrolle habe, wo ich weiß, wie es geht. Sondern der Ort, wo es sich komisch anfühlt, unbekannt. Wenn ich das richtig verstehe, wenn der Schüler das richtig versteht, dann besteht die Möglichkeit, dass das, was wir als Angst kennen, sich in Energie verwandelt. Angst ist nur eine Reaktion von sich eng machen. Das Wort Angst kommt vom lateinischen Wort „angustia“, Enge. Eigentlich geht es an dieser Stelle um Transformation der Energie und das ist eine ganz konkrete und praktische Umsetzung dessen, was Jung mit dem Archetyp Magier meinte.

Wenn der Schüler genug Vertrauen und genug Erfahrung hat und der Raum offen bleibt und er nicht in diese Angstreaktion der Enge geht, ist die Energie noch immer da, aber sie ist die Energie der Verwandlung geworden, der Lebensbewegung. Es ist wie durch ein Abenteuer hindurchgehen, eine Initiation bestehen, nicht mehr bedrohlich. Und trotzdem glaube ich, muss man das mehrere Male oder viele Male erlebt haben, bis man die Reise eigenständig wagt, alleine wagt, ohne diese Geburtshilfe.


Schüler und Studenten

Die Menschen, die zu einem Alexander-Technik-Lehrer kommen und Einzelstunden nehmen, nennen wir Schüler. Diejenigen, die sich zum Lehrer ausbilden lassen, Studenten, auch wenn wir keine universitäre Einrichtung sind. Ich arbeite mit Schülern und mit den Studenten eins zu eins an den Themen, Fragen, Interessen, die sie mitbringen. Vom Grundvokabular und den Grundfertigkeiten ist zunächst vieles ähnlich. Prinzipien wie Loslassen, Stoppen und die mentale Ausrichtung bringe ich Schülern wie Studenten bei. Definitiv ist der Prozess der Ausbildung intensiver und tiefer. Aber manchmal entsteht auch in den Einzelstunden eine enorme Tiefe.

Jemand, der als ein Schüler zu mir kommt, z.B. ein Musiker oder ein Mensch, der am Computer arbeitet und der irgendwo Schmerzen hat, Kopf, Schulter oder Rücken, braucht vielleicht nur ein paar Stunden, um zu verstehen, wie seine Mechanismen oder Gewohnheiten funktionieren, damit er keine Schmerzen mehr hat. Er geht wieder in seinen Arbeitsalltag und kann das für sich nutzen.

Wer eine Ausbildung macht, wird den gesamten Satz seiner Gewohnheiten und seiner mentalen Konzepte sehr viel breiter und tiefer kennenlernen müssen. Wenn ich jemanden ausbilde, kommt er viermal pro Woche für je 3,5 Stunden (in einer Gruppe) und das über drei Jahre. Das ist sehr dicht und intensiv und geht in die Tiefe. Studenten lernen, wie sie Alexander-Technik anderen Menschen beibringen. Denn, sobald sie anfangen zu unterrichten, müssen sie den Raum für sich und für jemanden anderen halten. Und die Verführung ist sehr groß, wenn ich mit einem anderen Menschen arbeite. Ich will mich um den kümmern, ich will es richtig machen, ich will Erfolg haben und das alles macht mich wieder eng. Es muss eine sehr viel tiefere und weitere Stabilität entstehen und auch eine profunde Kenntnis von sich selbst und von den eigenen Fallen, den eigenen Mustern. Die einen wollen großartig sein, die anderen denken, dass sie es noch nicht gut genug können, die dritten möchten ihre Schüler um jeden Preis retten und das alles spiegelt sich im Körper wieder. Und dasmussbearbeitet und im Laufe der Zeit auch ersetzt werden durch andere, konstruktivere Ideen und Einstellungen.

Ein Alexander-Technik-Lehrer hat mal gesagt, die drei Jahre sind nur ein Anfang. Sie gewährleisten zumindest, dass man sich selbst und dem Schüler nicht schadet. Das ist sehr streng gesagt! Aber das muss tatsächlich gewährleistet werden.

Ich habe zum Beispiel einen Studenten, der gerade angefangen hat selbst zu unterrichten. Er kam nach der ersten Stunde und sagte, jetzt habe er selbst Rückenschmerzen. Und das ist ok, das ist normal, das ist so am Anfang vom Prozess, man schafft es noch nicht ganz klar und bei sich selbst zu bleiben. Dass man dann doch der Falle unterliegt, man will den anderen quasi reparieren, für den was tun und schwups, merkt man das an sich selbst. Man ist noch nicht so stabilisiert in sich selbst, dazu kann man noch das ganze dritte Ausbildungsjahr benutzen. So gesehen ist der Körper auch der perfekte Seismograph, das perfekte Messinstrument. Da bist du wieder gelandet, da wolltest du eigentlich gar nicht hingehen. Guck dir das nochmal genauer an, geh nochmal zurück und überdenke, überlege, wie willst du damit umgehen?

Für mich ist es wichtig, wenn ich Alexander-Technik ausbilde, dass ich ausreichend beiderlei Erfahrungen mache. Sowohl mit den Schülern, als auch mit den Studenten zu arbeiten. Sonst bin ich realitätsfremd und weiß gar nicht, was begegnet meinen Studenten im Leben, wenn sie anfangen selbst zu unterrichten. Auch heute noch, wenn ich mit einem Schüler etwas Spannendes erlebe, dann nehme ich das als Lehrbeispiel – natürlich in einer anonymisierten Form – in die Ausbildung hinein und sage guck mal! Das kann man erleben. Das passiert im Alltag. Und das ist so vielfältig, weil die Menschen mit verschiedensten Problemen und Hintergründen zu uns kommen.

Alexander-Technik Schulen

Ich leite die Alexander-Technik Schule in Freiburg. Alexander-Technik Schulen sind relativ kleine Ausbildungsstätten, vielleicht maximal 14 Studenten. Viele haben weniger Studenten und man kann auch mit nur zwei oder drei Studenten eine Ausbildung machen. Die Zahl der Schüler und Studenten ändert sich dauernd und man kann das auch nicht regulieren. Ich hatte Jahre, wo ich 10 oder mehr Studenten hatte und Jahre, wo ich zwei, drei oder vier hatte. Genauso mit den Schülern. Mal sind es 20, dann wieder 10. Das alles wackelt wie ein großer, schwabbelnder Organismus vor sich hin und regelt sich nach seinen unsichtbaren Gesetzen.

Es gibt nationale und internationale Verbände. Es gibt einen Katalog, ein Regelwerk, es gibt einen Konsens, was uns unbedingt alle verbindet, was wir alle gemeinsam verfolgen, Standards, die wir nicht unterschreiten sollen und dürfen. Und auf der anderen Seite gibt es große persönliche Unterschiede von Schule zu Schule.

Wieder, ähnlich wie bei den Musikern. Vielleicht spielen zwei berühmte Geiger das gleiche Mozartkonzert und dennoch gibt es unglaubliche Unterschiede in der Auffassung, in der Interpretation und in der Auslegung, der Dynamik, der Geschwindigkeit. Man kann die Persönlichkeit des Lehrers nicht außen vor lassen. Das prägt die Schule und ihre Ausrichtung. Und trotzdem muss erkennbar bleiben, dass es eine Alexander-Technik Schule und eine Alexander-Technik Ausbildung ist und nicht Yoga und keine philosophische Ausbildung, keine physiotherapeutische Ausbildung oder was auch immer noch an Mitklängen hineinspielt.

Ich kann nur sagen, ich mache die Alexander-Technik Ausbildung so, wie sie aus mir und aus meinem Leben heraus gewachsen ist. Aber ich kann nicht sagen, ich mache eine andere Alexander-Technik Ausbildung als jemand anderes. So gesehen sind die Alexander-Technik Schulen wohl sehr unterschiedlich, aber es gibt nicht unterschiedliche Arten von Alexander-Technik Schulen.

Voraussetzungen

Alexander hat mal gesagt: Wenn du jemanden so weit hast, dass er weiß, dass er nicht Bescheid weiß, dann ist er bereit zu lernen. Man hat Glück, wenn jemand, der als Schüler kommt, diese Offenheit mitbringt. Oder, dass er keine vorgefertigte Meinung hat, wie das zu gehen hat. Wenn er einfach eine grundsätzliche Offenheit bringt.

Aber es würde nichts nutzen, wenn ich sage, es wäre toll, wenn du mit Offenheit kommst. Vielleicht kommst du nicht mit Offenheit und dann hängt es von mir ab. Dann muss ich es an mich selbst adressieren.Also im Endeffekt ist die Frage nicht, was müssen Schüler und Studenten mitbringen, sondern was muss ich als Lehrerin hineinbringen. Endlose Geduld und Offenheit, so dass ich mich einstimmen kann. Was könnte dieser Mensch gebrauchen, damit ich diese minimale Offenheit in ihm treffen kann, wo er bereit ist, sich mit etwas Unbekanntemzu konfrontieren?

Dafür ist eine Eigenschaft nützlich, die ich habe. Ich öffne alle meine Sinne dafür, wer dieser Mensch eigentlich ist, wenn er sich nicht behindern würde. Wenn er sich nicht so festhalten würde. Welche Räume könnte er ausfüllen, physisch und psychisch und mental und sonstwie. Das ist ein Spürsinn, den ich entwickle und das hat was mit Überzeugung und Neugier zu tun. Dadurch, dass ich das selbst so oft erlebt habe, weiß ich, dass es funktioniert.

Ich muss einen Raum des Vertrauens halten, dass dieser Mensch Potenzial hat und dass dieses Potenzial sich offenbaren kann. Diesen Raum halte ich dann für ihn und daran entlang bewegen wir uns. Im Grunde genommen mache ich das alles sowieso nicht selbst, ich mache nicht die Veränderung. Aber sie kann nur entstehen, wenn diese Akzeptanz und Vision gehalten wird für einen Menschen.

Es ist so paradox, ich bin hochinteressiert an der Veränderung und am Wachsen und an der Verbesserung und ich kann nichts dafür tun. Je weniger ich dafür tue und je mehr ich das nur als Möglichkeit glasklar sehe, desto mehr kann Veränderung passieren. So lernen auch die Schüler, dass weder ich die Änderungen mache, noch sie selbst diese direkt machen können. Nicht in dem Sinne, wie wir sonst geprägt sind, mit Mühe und Anstrengung. Es ist auf eine Art und Weise eine Gegenrichtung zu der, die wir gewohnt sind. Wie wir gelernt haben, dass man Dinge macht, Dinge ändert und Dinge verbessert. Und wenn man einen Geschmack davon bekommt – das ist – einfachzauberhaft.

Offenheit bewahren

Um offen zu bleiben, muss ich immer weitergehen.Ich suche Kollegen, mit denen ich die Arbeit austauschen kann, die mir wirklich konstruktiv spiegeln können, wo ich selbst meine Ecken und Grenzen habe. Ich besuche Kurse, Workshops, Fortbildungen, die mir wichtig sind. Ich gehe zu Alexandertreffen, zu Kongressen, wenn es welche gibt. Und ich habe einen Supervisor. Ich habe Kollegen und Freunde, meine Assistentinnen, mit denen ich regelmäßig rede, diskutiere, mich austausche.

Wenn man nur seine Schüler unterrichtet, früher oder später gleicht man sich in die Richtung seiner Schüler an. Du brauchst immer etwas Größeres. Etwas, das dich inspiriert, dich leitet, dich zurückspiegelt. Ich denke, das gehört zu jedem Beruf, aber zu unserem Beruf allemal. Und ich lerne aus vielen anderen Quellen. Alles, was mich anspricht, neugierig macht und was ich interessant finde. Zum Beispiel, was ich liebe ist Kino und Filme gucken. Neulich war dieser Film über Winston Churchill „Die dunkelste Stunde“. Man begreift einen Ausschnitt der Vergangenheit, der Historie, der Geschichte. Wie die Menschen da gehandelt haben, was sie geleitet hat. Wie sie handeln mussten oder konnten oder sollten. Es gibt so viele verschiedene Quellen, so viele verschiedene Lehren, aus denen ich weiterlernen und weitergehen kann. Sie fließen sichtbar und unsichtbar in meine Arbeit hinein. Jemand sagte, wenn du aufhörst zu wachsen, stagnierst du.

Ich wünsche mir meine ganzen Kapazitäten an Offenheit, Klarheit, Geduld und Unvoreingenommenheit verfügbar zu haben. Ich habe eine tiefeSehnsucht danach, dass all dasbis ans Ende meines Lebens wachsen und sich entwickeln vermag. Weil das macht mich lebendig und das macht mich begeistert und es macht mich fähig, den Raum zu halten, so dass die Anderen damit zu resonieren vermögen. Ob sie es können und wollen, das muss ich dann immer denen überlassen. Ich muss sie wirklich immer wieder von Moment zu Moment loslassen. Das ist glaube ich die Kunst, die ich da lerne und auch den Anderen beibringe.

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